‚Ich bin hässlich’ oder: Körperdysmorphe Störung

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Viele Menschen möchten anders aussehen, als sie tatsächlich aussehen. In der Presse ist zu lesen, dass es in den USA einen Trend gibt, dass Frauen aussehen möchten wie Ivanka Trump und sich dafür vielen Schönheitsoperationen unterziehen.
Obwohl von aussen betrachtet keine Beeinträchtigung vorliegt, erleben sich viele als ‚hässlich’, unattraktiv, als beeinträchtigt im Aussehen: das subjektive Erleben steht in keinem angemessenen Verhältnis zum ‚körperlichen Befund’. In so einem Fall sprechen wir von einer ‚Körperdysmorphen Störung’.
In vielen Fällen ist davon v.a. das Gesicht betroffen, z.B. Falten, Flecken, Gesichtsfarbe, Behaarung, Krümmung der Nase, Augenabstand, Asymmetrie, bei Frauen oft auch die Brüste und das Gesäss, bei Männern ein schmächtiger Körperbau. Es besteht die Überzeugung, dass die ‚Anormalität’ für andere offensichtlich ist.

Diese Überzeugung führt dazu, dass

  • der vermeintliche Makel stundenlang vor dem Spiegel überprüft wird;
  • versucht wird, den Makel zu verbergen (Make-up, Kleidung, Brillen);
  • exzessive Körperpflege betrieben wird (z.B. stundenlang Kämmen, Rasieren);
  • ‚Behandlungen’ aufgesucht, gefordert oder selber durchgeführt werden;
  • Situationen vermieden werden, in denen der vermeintliche Defekt gesehen werden könnte und
  • ein permanenter Vergleich mit anderen Personen vorgenommen wird und/oder andere Personen nach Rückversicherung gebeten werden, dass das Aussehen ‚normal’ ist.

Was für ein Stress! Die Beeinträchtigungen betreffen neben dem psychischen Wohlbefinden auch das berufliche und soziale Leben und führen in etwa 40% der Fälle sogar zu Suizidalität!
Ursprünglich galt die Körperdysmorphe Störung als sehr seltene Störung, Schätzungen gehen heute von einer Prävalenzrate von 1-2% der Bevölkerung aus, vermutet wird ein Anstieg – ähnlich wie bei Essstörungen – durch soziokulturelle Faktoren (z.B. Wichtigkeit des Aussehens, soziale Medien).

In der Regel suchen Menschen mit Körperdysmorpher Störung eine Psychotherapie wegen Depressionen und/oder (sozialen) Ängsten auf, die Belastung durch das Aussehen wird oft erst im Lauf der Therapie deutlich. Die wichtige Frage, ob eine Veränderung therapeutisch angegangen werden kann, ist, ob der/die Betroffene eine Einsicht in die Übertriebenheit der Einschätzung des vermeintlichen Makels entwickeln kann.

Ansatzpunkt zur Veränderung ist – aus verhaltenstherapeutischer Sicht – das Konzept, dass solche Überzeugungen v.a. durch selektive Aufmerksamkeit, ‚fehlerhafte’ Wahrnehmung und Bewertung von (geringfügigen) Abweichungen des Körpers entstehen und aufrecht erhalten werden. Auf emotionaler Ebene gehen diese Überzeugungen mit Ablehnung und Ekel bezüglich des eigenen Körpers einher. Das übermässige Kontrollieren des äusseren Erscheinungsbildes trägt – durch kurzfristige Spannungsreduktion – langfristig zur Aufrechterhaltung bei, Vermeiden und Rückzug führen zu sozialer Isolation, was Depressionen und Ängste verstärkt: ein Teufelskreis!

Hauptelemente einer Psychotherapie sind Exposition/Konfrontation, Verhaltensexperimente und sogenannte Kognitive Umstrukturierung:
Die Exposition beinhaltet das Aufsuchen vermiedener Situationen (z.B. an eine Party gehen, eine Freundin treffen, an einer Sitzung teilnehmen, einkaufen, Sport, Blickkontakt, jemanden ansprechen, Fotos von sich selber anschauen), ohne die problematischen Verhaltensweisen (z.B. Makel verstecken, Rückmeldungen zum Aussehen einholen, Kontrollrituale) durchzuführen.
In Verhaltensexperimenten wird die Erwartung überprüft, dass andere Personen negativ auf den Makel reagieren. Die Betroffenen werden angeregt (mit Hilfe von vorher definierten möglichst eindeutigen verbalen und nonverbalen Anzeichen für negative Reaktionen) zu beobachten, wie andere auf sie reagieren und diese Reaktion zu beschreiben und einzuordnen.
Bei der kognitiven Umstrukturierung liegt der Schwerpunkt nicht auf einer Korrektur der (verzerrten) Selbsteinschätzung sondern bei einer Veränderung der übermässigen Bedeutung des Aussehens (z.B. Kognitionen wie: ‚nur wenn ich perfekt aussehe, kann ich von anderen geliebt werden’, ‚wer hässlich ist, ist auch minderwertig’). Eingeübt werden alternative Gedanken und Gegenpositionen zur bisherigen Einstellung.

Verschiedene Studien konnten für dieses Vorgehen mit Exposition/Konfrontation kombiniert mit kognitiver Umstrukturierung deutliche Symptomverbesserungen bezüglich der körperdysmorphen Störung, der depressiven Symptome und der Ängstlichkeit nachweisen.

Daher: bevor Sie mithilfe von Schönheitsoperationen versuchen, wie Ivanka Trump auszusehen, geben Sie sich einen Ruck und melden Sie sich bei einer Psychotherapeutin an, die sich auskennt mit dieser Problematik!

 

Literatur:

Stangier, U. ((2002). Hautkrankheiten und Körperdysmorphe Störung. Göttingen: Hogrefe. Fortschritte der Psychotherapie. Band 15.

 

Lic. phil. Barbara Heiniger Haldimann