„Male Depression“ – warum Depressionen bei Männern oft nicht erkannt werden

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Depressionen zählen in der Schweiz und weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Wissenschaftliche epidemiologische Studien, die sich mit den Ursachen und Folgen sowie der Verbreitung von Erkrankungen befassen, berichten von signifikanten Geschlechtsunterschieden: Frauen sind ca. doppelt so häufig von Depressionen betroffen als Männer. Doch wie lässt sich dieser Unterschied erklären? Haben Männer tatsächlich ein geringeres Risiko, eine Depression zu entwickeln?

Diese Schlussfolgerung wird der Komplexität des Themas nicht gerecht. Es muss hinterfragt werden, ob die höhere Depressionsrate bei Frauen als geringeres Erkrankungsrisiko bei Männern gewertet werden kann. Gegen diese Bewertung spricht insbesondere die Suizidrate, die bei Männern um ein mehrfaches höher liegt. Depressionen gelten als Hauptrisikofaktor für Suizid, was eher für eine Unterdiagnostizierung von Depressionen bei Männern spricht.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Männer und Frauen zeigt sich in ihrem Hilfesuchverhalten. Dies ist für das Erkennen von Depressionen relevant. Frauen nehmen schneller und häufiger professionelle Hilfe in Anspruch, ausserdem sprechen sie leichter über psychische Symptome. Erklärt wird diese Verschiedenheit durch Geschlechtsstereotypen: Das Eingeständnis von Hilfsbedürftigkeit stellt für Männer häufig eine grössere Bedrohung dar. Männer suchen bei psychischen Problemen seltener einen Arzt oder Therapeuten auf. Wenn sie einen Arzt konsultieren, sprechen sie psychische Probleme weniger an. Frauen hingegen berichten in Hausarztpraxen von den typischen depressiven Symptomen wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Hilflosigkeit, Interessens- und Libidoverlust. Männer thematisieren häufiger somatische, also körperliche Symptome. Dies kann auf einen möglichen Geschlechtsunterschied in der Depressionssymptomatik hinweisen. Einzelne Untersuchungen berichten, dass Männer häufiger an Reizbarkeit, Aggressivität, erhöhtem Alkohol- und Substanzkonsum, bzw. antisozialem oder riskanten Verhalten leiden als Frauen. Diese Verschiedenartigkeit in der Symptomatik wird mit den bestehenden Geschlechtsrollenerwartungen erklärt: Reaktionen wie Aggression, Ärger oder Substanzmissbrauch sind mit dem traditionellen Männerbild besser vereinbar als Weinen, Selbstzweifel, Hoffnungslosigkeit und ständiges Grübeln. In der Forschung und Praxis entwickelte sich für diese eher männliche Symptomatik der Begriff „male depression“, Männerdepression. Eine Männerdepression beinhaltet diese typisch männlichen Depressionssymptome, die auf sozialen Rollenbildern basieren.

Problematisch ist, dass die momentan gängigen Diagnostikinstrumente diesem vermuteten Geschlechtsunterschied nicht gerecht werden. Die vorhandenen Inventare zur Erfassung von Depressionen messen also die bei Männern gehäuft auftretenden Symptome nicht. Dies kann dazu führen, dass betroffene Männer keine, seltener oder später eine adäquate Diagnose und demnach verspätet eine angemessene (oder keine) Behandlung erhalten.

Einige Untersuchungen befassten sich mit der Evaluation von Messinstrumenten, die den beschriebenen Geschlechtsunterschieden gerecht werden. Diese Instrumente erfassen die bei Männern häufig beobachteten depressiven Symptome. Wenn solche geschlechtssensitive Instrumente für die Diagnostik verwendet wurden, ging der Geschlechtsunterschied zurück. Das bedeutet, dass Männer und Frauen nahezu gleich oft eine Depressionsdiagnose erhalten, wenn das Messinstrument die typischen Männersymptome miteinbezieht.

Die Berücksichtigung von alternativen Erkrankungssymptomen, also den typisch männlichen Depressionsanzeichen, stellt für die zukünftige Therapie und Praxis eine bedeutende Aufgabe dar. Hausärzte, Psychologen, Fachärzte und Psychotherapeuten müssen demnach bei alternativen Symptomen (z.B. Aggressionen, gesteigerter Alkoholkonsum, gesteigertes Risikoverhalten, Reizbarkeit) aufmerksam reagieren. Es ist zu vermuteten, dass durch die Sensibilisierung auf diese Geschlechtsunterschiede Betroffene besser erkannt und unterstützt werden können.

 

Literatur:

Zülke et al. (2017). Screeninginstrumente zur Erfassung von männerspezifischen Symptomen der unipolaren Depression – Ein kritischer Überblick. Psychiatrische Praxis, 2017; 13.

 

Dr. phil. Dipl. Psych. Melanie Braun