Narzisstisch, narzisstischer, am narzisstischsten…

https://www.google.ch/search?q=narzissmus&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjJjbCr5Y_eAhVIlCwKHep8AqQQ_AUIDigB&biw=1536&bih=685&dpr=1.25#imgdii=UH2UbP3gkmKqkM:&imgrc=jjn8Jzo6n_vW3M:

„Was für ein Narzisst!!“ Damit bezeichnen wir im Alltag häufig Menschen, die wir als selbstverliebt und selbstgefällig wahrnehmen. Hinter dem Begriff „Narzissmus“ steckt aber noch viel mehr als Selbstverliebtheit. Was weiss man heute über Narzissmus? Wann wird Narzissmus als Störung bezeichnet? Im Folgenden werden verschiedene Aspekte zusammengefasst.

 

Es gibt verschiedene Ausprägungen von narzisstischen Tendenzen, man spricht daher von einem Kontinuum:

  • Moderat ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsmerkmale: Stabiles Selbstwertgefühl, externale Attribution von Misserfolgen und internale Attribution von Erfolgen, Empathie und soziale Kompetenz vorhanden, subjektives Wohlbefinden, wenig Angst, Einsamkeit und Depression. Moderat ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsmerkmale können sehr hilfreich und gesund sein!
  • Narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung: Im Zentrum steht ein fragiles, verletzliches und unsicheres Selbstbild, das mit negativen Emotionen wie Scham, Hilflosigkeit und Einsamkeit einhergeht. Um das negative Selbstbild zu kompensieren, werden verschiedene Regulationsmechanismen (narzisstische Selbstwertregulation) angewendet: Das Bedürfnis nach Selbstwert wird durch übertriebene Selbstdarstellung, Überbewertung der eigenen Kompetenzen und Streben nach Bewunderung und Aufmerksamkeit befriedigt. Der eigene Selbstwert wird durch hohe Anspruchshaltung, Dominanz, Kontrolle und Abwertung anderer erhöht. Durch diese Selbstwertregulation bleibt Empathie und Interesse für andere Menschen verborgen, was häufig als Arroganz wahrgenommen wird.
  • Narzissmus als Persönlichkeitsstörung: Bei einem klinischen bedeutsamen Narzissmus steht eine pathologische narzisstische Selbstwertregulation (siehe oben) im Zentrum. Für eine klinisch diagnostizierbare Persönlichkeitsstörung müssen, in Abgrenzung zur narzisstischen Persönlichkeitsakzentuierung, ein bedeutsamer Leidensdruck und Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen vorhanden sein. Häufig manifestieren sich gravierende Beziehungsstörungen, starkes persönliches Leiden, komorbide psychische Erkrankungen und Suizidalität.

 

In der aktuellen Literatur werden überwiegend drei Subtypen beschrieben:

  • Hoch funktionaler, exhibitionistischer Typus: Häufig beruflich erfolgreich, hohe Anpassungsfähigkeit, kein oder wenig Leidensdruck. Fragile Selbstwertregulation wird häufig erst bei Misserfolgen oder privaten Trennungssituationen bemerkbar.
  • Grandios-maligner, offener Typus (“klassischer Typ“): Egoistische, extrovertierte, arrogante und selbstdarstellerische Verhaltensweisen. Reduzierte Anpassungsfähigkeit an soziale Situationen, deutlicher Empathie-Mangel, Neigung zu Wutausbrüchen und Aggression.
  • Vulnerabler, verdeckter Typus: Selbstunsicheres, depressives Verhalten, sozial vermeidendes Verhalten, um Kritik und Kränkungen zu vermeiden. Innerliche Beschäftigung mit Fantasien über Einzigartigkeit, Erfolg und Verkennung.

Häufig schwanken Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung je nach Kontext zwischen grandiosen und vulnerablen Phasen hin und her.

 

Narzisstischer Kreislauf bzw. narzisstische Selbstwertregulation:

Negative Erfahrungen: Beziehungsprobleme, berufliche Probleme, Misserfolg, Kritik → Aktivierung des vulnerablen Selbst: Scham, Angst, Hilflosigkeit, Einsamkeit, innere Leere → Narzisstische Bewältigungsstrategien: Abwertung, Ärger, Aggression, Dominanz, Distanzierung → Grandioses Selbst: Selbstidealisierung, Anspruchshaltung, Empathie-Mangel → Negative Erfahrungen (s. oben)

 

Epidemiologie:

Die Prävalenz für narzisstische Persönlichkeitsstörung liegt in der Allgemeinbevölkerung zwischen 0 und 5,7%. In einer neueren amerikanischen Studie wurden Prävalenzen von 7,7% für Männer und 4,8% für Frauen erhoben. Häufig können jedoch nicht alle Typen erfasst werden, man kann daher davon ausgehen, dass die Prävalenzen höher sind.

 

Literatur:

CH Lammers & S Doering. Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung. PSYCH up2date 2018; 12: 331-345.

R Sachse, M Sachse & J Fassbender (2011). Klärungsorientierte Psychotherapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Göttingen: Hogrefe.

 

Hörenswerte Sendung auf SRF zum Thema Narzissmus, 22.4.2018:

https://www.srf.ch/sendungen/input/narzissmus-seine-selbstsucht-hat-mich-an-den-abgrund-getrieben

 

Lic. phil. Misa Yamanaka-Altenstein