Psychotherapie? Ich doch nicht!

https://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/978-3-621-28135-5.pdf

Angststörungen, Depressionen, Schlafstörungen, Substanzmittelmissbrauch und aggressive Verhaltensweisen sind nur einige Beispiele für psychische Erkrankungen, die in der Schweizer Bevölkerung weit verbreitet sind. Trotz grossen psychischen Belastungen warten Betroffene aber durchschnittlich bis zu fünf Jahre, bis sie psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Dass dem so ist, hat neben der nach wie vor weit verbreiteten Stigmatisierung psychisch Kranker und der hohen Zugangshürden zur Psychotherapie (vgl. unten) nicht zuletzt damit zu tun, dass es sowohl durch die Entscheidung für eine Psychotherapie als auch im Therapieverlauf (kurzfristig) zu Verletzungen der von Klaus Grawe formulierten psychischen Grundbedürfnissen kommen kann.

Das Bedürfnis nach positivem Selbstwerterleben kann insofern verletzt werden, als dass die Inanspruchnahme von Psychotherapie mit dem Eingeständnis verbunden ist, einem Problem selbst nicht mehr gewachsen zu sein. Gleichzeitig wird aber oftmals auch die Befürchtung aktiviert, den im Rahmen des therapeutischen Veränderungsprozesses ausgelösten emotionalen Reaktionen hilflos ausgeliefert zu sein und somit eine Verletzung des Bedürfnisses nach Orientierung und Kontrollezu erleben. Mit dem Eingehen einer – zeitlich begrenzten – vertrauensvollen Beziehung zum Therapeuten kann auch die Befürchtung einhergehen, nicht verstanden zu werden, dem Therapeuten zu wenig wichtig zu sein oder früher oder später wieder alleine gelassen zu werden – was eine Verletzung des Bindungsbedürfnisses bedeuten würde. Das Bedürfnis nach Lustgewinn kann insofern verletzt werden, als dass es durch die erforderliche Verhaltensänderung im Rahmen des therapeutischen Prozesses bzw. durch die Aufgabe von Vermeidungsverhalten (z.B. Vermeidung von Menschenmengen bei sozialen Ängsten) kurzfristig zu einer Symptomverstärkung kommen kann. Weiter wird das Bedürfnis nach Lustgewinn dadurch verletzt, dass Psychotherapie sowohl mit emotionalem als auch mit zeitlichem Aufwand einhergeht und bedingt, dass man sich mit unliebsamen Persönlichkeitsanteilen und belastenden Erinnerungen auseinandersetzen muss.

Zieht man also die mit der Entscheidung, psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen einhergehende kurzfristige Bedürfnisverletzung sowie die befürchtete Stigmatisierung und die hohen Zugangshürden zur Psychotherapie in Betracht, wird es gut nachvollziehbar, weshalb viele Menschen bis zu fünf Jahre warten, bis sie psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen. Dieses lange Zuwarten ist aber massgeblich dafür verantwortlich, dass es zu einer ungünstigen Chronifizierung psychischer Erkrankungen und damit verbunden zu einer Reduktion der Heilungschancen sowie steigenden gesellschaftlichen Folgekosten kommt.

Es stellt sich also die Frage, was jeder Einzelne tun kann, um psychisch belastete Menschen darin zu unterstützen, möglichst früh therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und damit eine Chronifizierung psychischer Erkrankungen zu vermeiden.

  1. Die Stigmatisierung psychisch Kranker bekämpfen: Um die weit verbreiteten Stereotypen über psychisch Kranke zu widerlegen, gilt es, das Wissen in der Bevölkerung über psychische Erkrankungen, deren sehr individuellen Entstehungsbedingungen sowie deren allgemein gute Behandelbarkeit zu erhöhen. Wichtig ist auch das Bestreben jedes Einzelnen, psychisch belastete Personen in die Gesellschaft zu integrieren. Auch Menschen die selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen sind können einen wichtigen Teil zur Entstigmatisierung beitragen – dies indem sie öffentlich oder zumindest im privaten Umfeld offen über ihre psychische Erkrankung sprechen.
  2. Die Zugangshürden zur Psychotherapie abbauen: Ein weiterer essentieller Pfeiler ist es, psychisch belasteten Menschen den Zugang zu qualitativ guter Patientenversorgung zu erleichtern. Aktuell ist es leider immer noch so, dass die Leistungen psychologischer Psychotherapeuten nicht von der Grundversicherung der Krankenkassen übernommen werden, es sei denn, sie werden durch einen Psychiater delegiert. Dieser Flaschenhals, der sich durch den Mangel psychiatrischer Fachkräfte in den kommenden Jahren noch verstärken wird, führt zu unnötigen Wartezeiten und Versorgungslücken. Die Schweiz braucht also dringend das Anordnungsmodell (https://www.psychologie.ch/aktuelles-publikationen/berufspolitik-bildung/psychotherapie-die-grundversicherung). Dieses würde gewährleisten, dass auch die psychologische Psychotherapie von der Grundversicherung übernommen wird sofern sie auf Anordnung eines Arztes erfolgt.
  3. Die Angst vor Bedürfnisverletzungen abschwächen und die Veränderungsmotivation stärken: Die Entstigmatisierung und insbesondere die Vermittlung von Informationen über psychische Erkrankungen und deren Behandlungsformen tragen bereits dazu bei, die Angst psychisch Kranker vor Bedürfnisverletzungen abzuschwächen. Darüber hinaus ist es essentiell zu verstehen, dass eine Psychotherapie zwar kurzfristig mit Bedürfnisverletzungen einhergehen kann, langfristig aber dazu dient, die Grundbedürfnisse besser befriedigen zu lernen. Entscheidet sich eine Person schliesslich für eine Psychotherapie gilt es, ihr bei Therapiebeginn bezüglich ihrer Bedürfnisse nach Kontrolle, Bindung, Selbstwerterhöhung und Lustgewinn befriedigende Erfahrungen zu ermöglichen – dies mit dem Ziel, die Angst vor Bedürfnisverletzungen abzuschwächen und die Veränderungsmotivation zu stärken. Strategien zur Befriedigung der Grundbedürfnisse im Rahmen der Therapie sind beispielsweise der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung, die Bewusstmachung eines positiven Zielzustandes, aber auch die Aktivierung der Ressourcen der Patienten zur Problembewältigung und damit die Erhöhung ihrer Selbstwirksamkeitserwartung.

Fazit: Wir können also alle – auf Bundesebene bei der Diskussion über das Anordnungsmodell, als Therapeut/innen, als von einer psychischen Erkrankung Betroffene/r oder als Privatperson – Entscheidendes dazu beitragen, dass es zukünftig nicht mehr fünf Jahre dauern wird, bis Menschen mit psychischen Erkrankungen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Nur so können die Heilungschancen psychisch Kranker erhöht, ihr Wohlbefinden verbessert und langfristig auch die Kosten für die Gesellschaft reduziert werden.

 

Quelle:

MSc Laura Just