Selbstfürsorge und was daran so schwierig ist

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Der Begriff Selbstfürsorge ist im Bereich der Psychotherapie, bzw. Psychologie, aber auch im Alltagssprachgebrauch bekannt. Selbstfürsorge meint Aktivitäten, die dem psychischen und physischen Wohlbefinden dienen und uns helfen, Belastungen und Stress auszugleichen. Selbstfürsorge kann einerseits bedeuten, sich etwas zu gönnen, sich zu verwöhnen, kann andererseits Beschränkung oder Verzicht von etwas sein, das uns schadet (z.B. Arbeitszeit, bestimmte Nahrungs- und Genussmittel, Konsum sozialer Medien).

Warum ist es eigentlich so schwierig, gut für sich zu sorgen?

Unterschiedliche Bereiche der Psychologie haben sich mit dem Thema Selbstfürsorge auseinandergesetzt. So befasst sich die Gesundheitspsychologie mit der Förderung gesundheitsrelevanten Verhaltens, wie bspw. Selbstfürsorge. Studien zeigten mehrfach, dass Menschen nur dann zu einer Verhaltensänderung bereit sind, wenn die Überzeugung besteht, dass die Verhaltensänderung wichtig ist und gelingen wird. Nur wenn wir auf Erfolg vertrauen, zeigen wir Engagement im Üben und Aufrechterhalten neuer Verhaltensweisen.

Aber auch soziokulturelle und sozialpsychologische Aspekte erhöhen die Schwierigkeit, Selbstfürsorge zu erlernen. Nächstenliebe, Aufopferung, Hilfsbereitschaft oder Genügsamkeit sind moralische Erwartungen, die dem Konzept der Selbstfürsorge im Weg stehen können. Für aufopfernde Nächstenliebe ernten wir häufig Anerkennung, während Selbstliebe oft als egoistisch, selbstverliebt oder narzisstisch bewertet wird. Frauen sind häufiger von der Forderung, für andere zu sorgen beeinflusst und empfinden schnell Schuldgefühle, wenn es darum geht, etwas für sich zu tun. Viele benötigen eine Rechtfertigung oder einen externen Grund (bspw. eine Einladung, ein Geschenk), um sich zu erlauben, gut für sich zu sorgen.

In der Psychotherapie wird häufig deutlich, dass es Menschen schwer fällt, sich gut zu behandeln, sich zu pflegen und auf sich achten. Es ist ein schnell formuliertes Ziel, Selbstfürsorge zu lernen und in den Alltag einzubauen. Allerdings wird dabei die Schwierigkeit der Umsetzung unterschätzt.

Vorerst ist es wichtig, die Notwendigkeit der Selbstfürsorge zu erkennen. Hierfür ist die Überzeugung nötig, dass gut für sich sorgen positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden haben wird. Wenn andere moralische Vorstellungen der Bedeutung des eigenen Wohlergehens im Weg stehen, ist die Realisierung des Ziels Selbstfürsorge erschwert. Ausserdem spielt der Selbstwert eine wichtige Rolle bei der Förderung von Selbstfürsorge. Wenn ich mir selbst nicht viel wert bin, warum sollte ich dann Mühen, Kosten und Zeit in Kauf nehmen, um gut für mich zu sorgen? Überzeugungen wie „ich verdiene es nicht“, „ich bin nicht so gut wie die Anderen“ oder „Ich muss mich anpassen und meine Bedürfnisse unterordnen“ hemmen eine gesunde Selbstfürsorge.

Auch das Erkennen der eigenen Defizite bezüglich Selbstfürsorge ist entscheidend bei der Umsetzung des Ziels, mehr und besser für sich zu sorgen. Häufig haben wir sogenannte blinde Flecke: wir bagatellisieren Defizite wie bspw. unzureichender Schlaf, mangelnde Körperhygiene, körperliche Beschwerden. Sätze wie „So schlimm ist das ja gar nicht“, „Ich halte das schon aus“, „Das wird bald irgendwie besser werden“ führen dazu, dass wir solche Defizite als unwichtig deklarieren und keine Verantwortung für die nötigen Veränderungsschritte übernehmen.

Demnach ist es wichtig zu erkennen, dass erstens ein Mangel besteht, zweitens dieser Mangel mir schadet sowie drittens ich selbst Verantwortung für die Behebung des Mangels habe und übernehmen werde.

Als letzter Schritt ist die konkrete Planung von Selbstfürsorge bedeutsam. Wie genau, kann ich besser für mich sorgen? Wie kann ich Selbstfürsorge in meinen Alltag einbauen? Welche Hindernisse können mir dabei im Weg stehen? Dabei ist insbesondere auf mögliche negative Implikationen von Selbstfürsorge zu achten. Selbstfürsorge kann Zeit und Geld kosten. Selbstfürsorge erfordert gegebenenfalls, dass wir für uns einstehen, Bedürfnisse kommunizieren, Pausen einfordern, Bitten ausschlagen oder uns für unsere Rechte einsetzen.

Das Ziel von mehr Selbstfürsorge erfordert demnach wie alle anderen Verhaltensänderungen langfristiges Üben, wiederholte Vergegenwärtigung der Wichtigkeit des Ziels, verbindliche Zielformulierungen und idealerweise die Ermutigung einer vertrauten Person.

  

Literatur:

Potreck-Rose, F. (2017). Selbstfürsorge. Psychotherapie im Dialog, 2017; 4.

 

Dr. phil. Dipl. Psych. Melanie Braun