Therapie oder Abschreckung bei Straftätern? Mythen und Fakten

Der Fall ‚Carlos’ hat in den Medien, der Politik und der öffentlichen Diskussion wieder einmal die Frage ‚wie soll unsere Gesellschaft mit Straftätern verfahren, was ist sinnvoll und nützlich?’ in den Vordergrund gerückt. Schlagworte wie ‚Kuscheljustiz’ zeigen, dass vielerorts die immer noch weit verbreitete Meinung herrscht, dass Straftäter besser hart angefasst, anstatt durch therapeutische Angebote ‚verzärtelt’ werden sollten. Zu diesen Fragen gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft wenig Resonanz und Relevanz zu haben scheinen.

Prof. Dr. Jérôme Endrass (Universität Konstanz und stv. Leiter PPD, Amt für Justizvollzug, Kanton Zürich) stellte anlässlich eines internationalen Symposiums in Zürich (Forensische Psychiatrie, 4. Juni 2014, http://www.forensiktagung.ch) in einem eindrücklichen und engagierten Vortrag Ergebnisse aus Untersuchungen der letzten Jahre dar, die deutlich zeigen, dass viele wissenschaftlich fundierte Facts den oft verbreiteten Annahmen widersprechen!

Facts sind:

  • Die Anzahl der angeordneten Therapien in der Schweiz sind seit den 1990-er Jahren zurück gegangen.
  • Harte ‚Abschreckungsprogramme’ wie ‚Bootcamps’ (‚Drillcamps’) und ‚Scared Straight’ (Jugendliche werden im Gefängnis zu Hochrisiko-Tätern ‚gesteckt’) sind Programme, die v.a. in USA, z.T. aber auch in Deutschland Anhänger finden und angewendet werden. Untersuchungen zeigen aber: Abschreckung wirkt nicht, im Gegenteil, das Rückfallrisiko wird erhöht! (Siehe z.B. Petrosino, A. et al, 2013, http://www.campbellcollaboration.org/lib/project/3/). Bewirkt haben solche Studien in den USA laut J. Endrass, dass nicht diese Programme, sondern die Evaluation dieser Programme in Frage gestellt und sogar abgeschafft wurden!
  • Eine Meta-Analyse (Lipsy, M.W. & Cullen, F.T., 2007) zeigt, dass in 56 von 59 untersuchten Studien therapeutische Interventionen bei Straftätern einen positiven Effekt bewirken, dass therapeutische Interventionen effizienter sind als abschreckende/bestrafende Massnahmen und dass Therapien bei Jugendlichen sind effizienter als bei Erwachsenen.

 Schlussfolgerungen:

  • Forensische Therapieprogramme, die rückfallsenkend sind, sind kosteneffizient (berücksichtig man die enormen Kosten durch Kriminalität, v.a. direkte Kosten, wie Behandlung der Opfer, institutionelle Unterbringung der Täter).
  • Es lohnt sich vor allem, therapeutische Ansätze für jugendliche Straftäter (aber auch für Erwachsene) weiter zu entwickeln und zu evaluieren.
  • Aufklärung in den Medien, der Politik und der Öffentlichkeit über wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu therapeutischen Ansätzen und deren Auswirkungen im Bereich der forensischen Psychiatrie ist nötig, da Mythen und tatsächliche Fakten immer noch enorm auseinander klaffen.

lic.phil. Barbara Heiniger Haldimann