Repost: Angst vor dem Erröten – ist es sinnvoll, sich dafür zu schämen, dass der Körper seine Aufgaben erfüllt?

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Die meisten Menschen kennen das Gefühl der Hitze, die in den Kopf steigt und vielen von uns ist es unangenehm, in der Öffentlichkeit rot zu werden. Manche leiden sogar unter dieser körperlichen Reaktion und nehmen das Rotwerden als schwerwiegenden Mangel wahr, verurteilen sich dafür und fühlen sich regelrecht minderwertig und blockiert in ihrem Handeln. Obwohl das Rotwerden eine natürliche körperliche Reaktion ist, verknüpfen manche Personen diesen Vorgang mit Scham, Angst, Selbsthass oder gar Depression und Rückzug. In schweren Fällen erreicht die Furcht vor dem Erröten sogar Krankheitswert und schränkt die betroffenen Personen in ihrer Lebensqualität massiv ein. Dann spricht man von einer „Erytrophobie“.

Um so wichtiger ist es, sich die Funktion des Errötens vor Augen zu führen. Es handelt sich hierbei um eine vollkommen normale und notwendige, gesunde Reaktion des Körpers. Es zeigt lediglich an, dass der Körper aktiviert und die Körpertemperatur angestiegen ist. Nun muss sich der Körper abkühlen, in dem die Blutgefässe erweitert werden, was im Gesicht, am Hals oder Brustbereich sichtbar ist. Auslöser für das Ansteigen der Körpertemperatur kann bspw. körperliche Anstrengung, Hitze, veränderte Atemfrequenz, positive oder negative Emotionen (Freude, Überraschung, Verlegenheit, Scham usw.) sein. Ist es also hilfreich, sich für eine vollkommen normale und gesunde körperliche Reaktion zu schämen oder gar zu verurteilen?

Was können Betroffene tun, um nicht unter dem Erröten zu leiden? Sinnvoll kann es sein, sich den Nutzen des Errötens zu verdeutlichen. Die wenigsten Menschen schämen sich nämlich nicht für natürliche Körperreaktionen wie Lachen oder Niessen. Warum also vor dem Erröten? Meistens ist es nämlich so, dass nicht die Tatsache des Rotwerdens das Hauptproblem ist, sondern wie Betroffene diese Situation bewerten. Die Befürchtung aufgrund des Errötens verurteilt, abgelehnt oder belächelt zu werden, ist meistens eine unberechtigte, negativ verzerrte Bewertung. Das Erröten ist schliesslich nur ein einziges Merkmal von uns. Dem gegenüber stehen viele weitere Merkmale wie bspw. Humor, Intelligenz, Warmherzigkeit, Verlässlichkeit und andere positive Dinge, die uns auszeichnen. In der Regel ist also nicht das Erröten das Problem, sondern die Furcht davor und die Bewertung des Rotwerdens.

„Ich bin jetzt rot – na und?“ oder „Ok, es ist mir unangenehm, rot zu werden, aber ich kann damit umgehen, dass es gerade sichtbar ist, dass ich aufgeregt bin. Ich kann zu meinen Gefühlen stehen!“ sind hilfreiche, erleichternde Bewertungen von Situationen, in denen wir Rotwerden. Solche Bewertungen führen zu einer Abnahme der Furcht vor dieser gesunden körperlichen Reaktion.

 

Literatur:

Wolf, Doris (2008). Keine Angst vor dem Erröten. Psychologische Strategien zur Selbsthilfe. PAL Lebenshilfe Bibliothek.

 

Dr. phil. Melanie Braun