„Ultracrepidarianism“

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Kürzlich bin ich über zwei wundervolle englische Begriffe gestolpert. Der eine wurde erstmals 1819 von dem Schriftsteller William Hazlitt verwendet und heisst: „Ultracrepidarianism“. Dies bedeutet seine Meinung oder seinen Rat zu einem Thema zu geben, ohne dazu das nötige Fachwissen oder die nötige Kompetenz zu haben. Der andere Begriff war „Help-rejecting-complainer“, was soviel bedeutet wie „Hilfe-zurückweisender-sich-Beklagender“. Also eine Person, die sich zwar beklagt, aber jegliche angebotene Hilfestellung ablehnt. Kommt das eine oder andere Ihnen bekannt vor?

Die zwei Phänomene scheinen auch sehr oft in gegenseitiger ungünstiger Wechselwirkung zu stehen. Zum Beispiel in Familien, engen Freundschaften oder Paarbeziehungen ist es oft so, dass wenn ein Partner leidet, der andere Partner mitleidet und das Leid schnell aus dem Weg schaffen möchte, während sich der andere Partner meist keine Problemlösung wünscht, sondern Verständnis oder Mitgefühl oder einfach gehört werden möchte.

Aus der Perspektive der neurowissenschaftlichen Emotionsforschung liegt bei beiden Fällen eine sogenannte Überidentifikation vor: Wenn wir schwierige Gefühle erleben oder jemanden leiden sehen, wird unser Bedrohungssystem aktiviert und wir erleben oft Mitleid oder Hilflosigkeit (eine implizite bottom-up Reaktion) und wir möchten diesen Zustand beenden. Auf das Bedrohungssystem reagieren wir entweder mit Kampf, Flucht und wenn dies nicht möglich ist mit Erstarrung. Letzteres erklärt, warum wir dann oft in eine emotionale Vermeidung pendeln und uns vor dem emotionalen Empfinden schützen oder ablenken möchten. Dies ist der Gegenpol der Überidentifikation bei der Gefühlsregulation.

Um anstelle von Mitleid oder Überwältigtsein der Gefühle Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl empfinden zu können, braucht es eine zweite, bewusste (top-down) Reaktion (v.a. durch die Funktion des Präfrontalkortex): Diese erinnert uns daran, dass wir in Sicherheit sind in Angesicht der schwierigen Gefühle und somit kann unser Fürsorgesystem aktiviert werden, was wiederum mit dem Oxytocin, dem sogenannten Kuschelhormon assoziiert ist. Dies erlaubt es uns, Mitgefühl zu empfinden, was mit einem angenehmen Zustand einhergeht, der es uns ermöglicht in der schwierigen Situation zu bleiben.

Diese Fähigkeit zu Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl wurde in den letzten 20 Jahren explosionsartig wissenschaftlich untersucht und kann geübt werden, insbesondere zeigen sich Interventionen in helfenden Berufen als sehr erfolgreich.

Nach Kristin Neff (2003) ist es hilfreich, in emotional schwierigen Momenten eine Selbst-Mitgefühlspause einzulegen und

1. innezuhalten und den Schmerz zu anerkennen (Bewusstheit anstatt Vermeidung)

2. sich an das gemeinsame Menschsein zu erinnern, also daran, dass das Leben und wir Menschen nicht perfekt sind und dies zum Leben dazugehört (Verbundenheit anstatt Isolierung)

3. und sich dabei selbst mit Freundlichkeit zu begegnen (Mitgefühl und Trost anstatt (Selbst-)Kritik oder (Selbst-)Mitleid)

 

In dem Sinne sind Sie eingeladen, vor Ratschlägen und Lösungsversuchen erstmal ein gutes Verständnis zu entwickeln und allenfalls eine Mitgefühlspause einzulegen.

 

Literatur:

Gilbert, P. (2014). The origins and nature of compassion focused therapy. British Journal of Clinical Psychology, 53 (1), 6-41.

Neff, K.D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2, 85-102.

Zessin, U., Dickhäuser, O., & Garbade, S. (2015). The Relationship Between Self-Compassion and Well-Being: A Meta-Analysis. Applied Psychology: Health and Well-Being, 7(3), 340-364.

 

Lic.phil. Andrea Bender

 

In Planung:

Im Februar/ März 2020 startet ein MSC 8-Wochen Kurs: Achtsames Selbst-Mitgefühl. Anmeldungen werden bereits entgegengenommen (abender@ifpt.ch).