Umgang mit Suizidalität

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„Suizidgedanken sind nicht gefährlich, gefährlich ist es, nicht darüber zu sprechen!“ sagte Dr. phil. Anja Gysin-Maillart, Leiterin der Sprechstunde für Patienten nach Suizidversuch ASSIP, am sehr aufschlussreichen State of the Art Seminar vom 7. November 2018 am Klaus-Grawe-Institut für Psychologische Therapie.

Laut dem Bundesamt für Statistik starben im Jahre 2015 1029 Menschen an Suizid und 2014 starben daran zwei bis drei Menschen pro Tag. Dabei gehen die Experten noch von einer viel höheren Dunkelziffer aus, insbesondere in Bezug auf nicht geklärte Verkehrsunfälle. Das höchste Risiko und die höchste Suizidrate findet sich bei Männern über 75 Jahren.

Dabei ist eine frühzeitige Erkennung und eine bedarfsgerechte, zeitnahe, spezifische Behandlung entscheidend (z.B. durch ASSIP nach einem Suizidversuch).

Die akute suizidale Krise kann als psychologischer und neurobiologischer Ausnahmezustand betrachtet werden, der durch einen kaum erträglichen psychischen Schmerz ausgelöst wird. Das dabei aktivierte neurologische Erregungsmuster im Hirn ist währenddessen nur noch darauf ausgerichtet, dem als unerträglich erlebten Schmerz ein Ende zu bereiten. In diesen Momenten ist es den Betroffenen demzufolge nur noch möglich, kurzfristig zu denken und zu handeln. Das Wissen, dass dieser Zustand fluktuiert und immer nur vorübergehender Natur ist, scheint in den akuten suizidalen Krisen dem Bewusstsein aufgrund der psychischen Not nicht zugänglich zu sein.

Daher sind auch präventive Sicherungsmassnahmen lebensrettend und sehr effektiv (z.B. Brückensicherung, Abgabe von Medikamenten / Waffen).

In der Therapie mit ASSIP wird mit dem Patienten in 3-4 Sitzungen die persönliche Geschichte, die zum Suizidversuch geführt hat, geklärt. Ausgehend davon werden individuelle Bewältigungsstrategien entwickelt, die bei weiteren suizidalen Krisen eingesetzt werden müssen, bevor der Mensch in einen Zustand gerät, in dem die Suizidhandlung wie in Trance von selber abläuft. Mittels Briefen werden die Patienten regelmässig an die erarbeiteten Verhaltensmassnahmen erinnert, welche die Botschaft enthalten: „Wir können nicht verhindern, dass Sie in Zukunft wieder in eine suizidale Krise geraten können. Aber mit den erarbeiteten Strategien werden Sie zukünftige Krisen überleben.“

Die Suizidforschung zeigt, dass die therapeutische Beziehung der wichtigste präventive Faktor im Umgang mit suizidalen Patienten ist. Vertrauen, eine offene, raumgebende und wertfreie Haltung ist dabei entscheidend. Weiter kann die Wirksamkeit von Non-Suizidversprechen wissenschaftlich nicht bestätigt werden, da dieses Versprechen den Betroffenen meist nicht möglich ist zu geben. Eine bessere Wirksamkeit zeigen Abkommen, bei welchen sich die Betroffenen bei einer Verschlechterung des Zustandes resp. bei zunehmender Suizidalität melden werden. Als äusserst wichtig erweist sich hierbei auch die Erarbeitung eines spezifischen Notfall- / Sicherheits-Planes, welcher den graduellen Verlauf der Suizidalität möglichst frühzeitig zu erkennen und zu bremsen / stoppen versucht.

 

Ein solcher Plan sollte folgende Punkte beinhalten:

  1. Warnsignale (z.B. suizidale Gedanken, Hoffnungs- oder Wertlosigkeit, Verlangen sich zu betrinken..)
  2. Internale Bewältigungsstategien (z.B. Sport, Instrument spielen, Lesen..)
  3. Soziale Bewältigungsstrategien (z.B. Selbsthilfegruppen, spezifische Freunde kontaktieren..)
  4. Personen, die helfen in Krisen (ausgewählte Kontaktpersonen & Telefonnummer)
  5. Fachpersonen und Fachstellen, die während der Krise kontaktiert werden können (z.B. Behandler, 144, Kriseninterventionszentrum, Notfallstation im Spital)

–> Präventiv das Umfeld sicher machen (Abgabe von Medikamenten, Waffen, Drogen etc.)

 

Literatur:

State oft the Art Seminar, 7. November 2018 bei Dr. phil. Anja Gysin-Maillart, Leiterin der Sprechstunde für Patienten nach Suizidversuch ASSIP.

Gysin-Maillart A, Michel K. Kurztherapie nach Suizidversuch: ASSIP—Attempted Suicide Short Intervention Program. Bern: Hans Huber; 2013.

Michel K, Gysin-Maillart A. ASSIP—Attempted Suicide Short Intervention Program: a manual for clinicians. Göttingen: Hogrefe Publishing; 2015.

Michel K, Valach L. The narrative interview with the suicidal patient. In: Michel K, Jobes DA, editors. Building a therapeutic alliance with the suicidal patient. Washington (District of Columbia): American Psychological Association; 2011. pp. 63–80.

 

Lic. phil. Andrea Bender