Wie kann ich mein Kind zum Ausführen von Hausaufgaben motivieren?

Vielleicht kennen Sie ihn auch: Den ständigen Hausaufgabenkampf mit Ihrem Kind. Hausaufgaben stellen für viele Familien einen grossen Stressor im Familienalltag dar. Ein Problem im Zusammenhang mit Hausaufgaben kann sein, dass sich das Kind nur schwer zu den Hausaufgaben motivieren kann oder motivieren lässt. Sie haben schlichtweg keine Lust dazu, verweigern sie, reagieren teilweise trotzig oder aggressiv oder es müssen ewig lange Diskussionen geführt werden.

Doch weshalb ist es schwierig für das Kind sich zu motivieren? Oder weshalb sollte das Kind für Hausaufgaben überhaupt motiviert sein?

Wie alle erwachsenen Menschen streben auch Kinder und Jugendliche nach der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse. Nach Grawe (2004) sind dies die vier Grundbedürfnisse nach Bindung, Selbstwert, Orientierung/Kontrolle und Lust respektive Unlustvermeidung. Bei vielen Kindern führt das Erfüllen von Hausaufgaben dazu, dass die grundlegenden Bedürfnisse verletzt werden. Sie wissen nicht was zu tun ist, fühlen sich überfordert (Verletzung des Bedürfnisses nach Kontrolle und Orientierung). Sie machen die Erfahrung, dass die Hausaufgaben schwierig sind (Unlust) oder dass sie gar zu schwierig sind, um sie überhaupt richtig lösen zu können (Verletzung des Selbstwerts). Vielleicht machen sie sogar die Erfahrung, dass Sie von Mitschülern ausgelacht werden, weil sie nicht (gleich) gut lesen und schreiben können (Verletzung des Selbstwerts und der Bindung). Und zuletzt führen dann die Hausaufgaben auch zu Hause noch zu ständigen Konflikten mit den Eltern (Verletzung der Bindung).

Führt das Erledigen von Hausaufgaben also zur ständigen Frustration der Grundbedürfnisse, ist es gut nachvollziehbar, dass Kinder nicht motiviert sind. Sie wollen die unangenehme Erfahrung vermeiden und sich schützen. Dadurch entwickeln allenfalls viele Vermeidungswege. Sie vergessen die Hausaufgaben in der Schule, trödeln herum oder entwickeln die Einstellung, dass Mathe sowieso unnötig und dumm ist. In der Regel führt das verstärkte Druck machen seitens der Eltern zu noch mehr Vermeidung. Ein Teufelskreis entsteht.

Doch wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?

Ein erster, wichtiger Schritt kann es sein zu schauen, dass die Grundbedürfnisse Ihres Kindes auch während der Hausaufgabensituation erfüllt sind.

Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
Lassen Sie Ihr Kind mitbestimmen, wann es beispielsweise seine Hausaufgaben machen möchte. Natürlich kann es sein, dass Ihr Kind dies nicht richtig einschätzen kann. Dann empfiehlt es sich eine „Experiment-Phase“ über ein bis zwei Wochen zu machen. Lassen Sie Ihr Kind da soweit wie möglich selber bestimmen und schauen Sie, ob es funktioniert hat. Falls nicht, können Sie Ihrem Kind klar aufzeigen, dass es so nicht funktioniert und somit gemeinsam nach einer anderen Lösung gesucht werden muss.

Auch der aufgeführte Punkt im Bereich „Bedürfnis nach Selbstwert“ ist sehr wichtig: Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Erfolg durch eigene Anstrengung zustande kommt. Dies motiviert das Kind und gibt ein Gefühl der Kontrolle.

Hinsichtlich dem Bedürfnis nach Orientierung kann es auch hilfreich sein, mit dem Kind zuerst eine Übersicht zu erarbeiten, was wann erledigt sein muss und mit welcher Aufgabe es sinnvoll ist zu starten.

Bedürfnis nach Lust und Unlustvermeidung
Anspruchsvolle Hausaufgaben lustvoll zu gestalten kann ganz schön schwierig sein. Eine ausgestellte Belohnung, nachdem 20 Minuten konzentriert gearbeitet wurde, kann helfen. Ebenso wenn Sie Ihr Kind immer wieder loben und ihm sagen wie stolz Sie sind, dass es sich so anstrengt. Auch wenn die Hausaufgabensituation mit angenehmer Zeit zu Zweit verknüpft wird (siehe auch Bedürfnis nach Beziehung), kann dies helfen.

Bedürfnis nach Beziehung
Verknüpfen Sie ungeliebte Hausaufgaben mit gemeinsamer positiver Zeit. Die Leselernübung kann beispielsweise anhand eines gemeinsam ausgesuchten Buches als Gutenachtgeschichte vollzogen werden. Rechenübungen lassen sich oft auch auf spielerische Art und Weise im Alltag umsetzen (z. B. mit zwei Würfeln das 1×1 üben). Indem sie „ungeliebte“ Hausaufgaben mit wertvoller Zeit zu Zweit verknüpfen, wird das Bedürfnis nach Bindung gestärkt.

Versuchen Sie des Weiteren in Hausaufgabensituationen ruhig zu bleiben, auch wenn es Ihnen schwer fällt. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass die Schwierigkeiten nichts mit Ihnen beiden zu tun haben und Sie trotzdem für das Kind da sind. Achten Sie auch besonders darauf, wie Sie ich gegenüber Ihrem Kind bei Problemen in Hausaufgaben Situationen verhalten: Beginnen Sie zu kritisieren? Kommt es zu Schuldzuweisungen? Zu Abwertungen? Verdrehen Sie die Augen? Auch wenn es schwer fällt, versuchen Sie Ihrem Kind positiv zugewandt zu bleiben.

Bedürfnis nach Selbstwert
Positive Rückmeldungen sind sowohl für uns Erwachsene als auch eben für Kinder und Jugendliche sehr zentral, um motiviert zu bleiben. Loben Sie Ihr Kind nicht für alles, sondern wenn Sie gemerkt haben, dass es sich wirklich angestrengt hat. Beachten Sie hierbei aber auch, dass Sie die Anforderungen nicht zu hoch setzen. Zwar konnte in Studien gezeigt werden, dass es wichtig ist, Anforderungen an Kinder zu stellen, aber diese sollten eben den Fähigkeiten des Kindes angepasst sein. Deshalb ist es zentral, dass Sie die Leistungen Ihres Kindes nicht mit den Leistungen von anderen Kindern vergleichen, sondern mit seiner eigenen individuellen Leistungsfähigkeit. Auch wenn Ihr Kind im nächsten Diktat vielleicht auch nur eine Note 4 erreicht, aber dafür viel weniger Fehler gemacht hat als letztes Mal, ist dies ein zu lobender Fortschritt! Loben Sie jegliche Verbesserung Ihres Kindes durch Anstrengung. Der grösste Motivator ist es, wenn Ihr Kind merkt, dass es durch Anstrengung Erfolg hat. Dies steigert den Selbstwert ungemein.

Wir Menschen führen Erfolge und Misserfolge auf ganz unterschiedliche Dinge zurück. In der Psychologie ist dies unter dem Begriff der Attributionsforschung untersucht worden. Wir können sie auf innere, stabile Gründe zurückführen (Ich bin zu dumm. Mathematik liegt mir nicht.) oder auf innere, variable Gründe (Ich habe zu wenig gelernt. Ich habe mich zu wenig angestrengt.). Es ist auch möglich äussere, stabile Gründe (Der Lehrer kann den Stoff einfach nicht richtig vermitteln.) oder äussere, variable Gründe (Ich hatte Pech, die Prüfung war zu schwer.) verantwortlich zu machen.

Um motiviert zu bleiben, ist es wichtig, dass wir Erfolge und Misserfolge auf unsere Anstrengungen zurückführen. Einem Kind zu vermitteln, dass alle in der Familie Mühe haben mit Fremdsprachen, Lesen halt nicht seine Stärke ist oder das Kind gar zu wenig Fähigkeiten besitzt, wirkt sich negativ auf die Motivation aus.

Wenn Sie Ihr Kind weiter motivieren möchten, sind Aussagen wie „Ich weiss, dass es für dich schwierig ist, aber wenn wir genug üben, bekommen wir das hin.“ oder „Toll, wie du dir Mühe gibst.“ hilfreicher.

Laut Studien von Carole Dweck (2007) kommt es hierbei nicht einmal darauf an, ob die Gründe wahr sind. Mit der Zeit erfüllen sich die eigenen Prophezeiungen. Wenn ich mich für Mathematik zu dumm halte, werde ich irgendwann abhängen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass es auf die eigene Anstrengung drauf ankommt, dann wird sich durch die eigene Anstrengung auch ein Erfolg einstellen.

Weitere, ausführliche Tipps und Tricks erhalten Sie im Ratgeber von Fabian Grollimund: Mit Kindern lernen.

Literatur:

Grawe, Klaus. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Grollimund, Fabian. (2016). Mit Kindern lernen. Konkrete Strategien für Eltern. 2., unveränderte Auflage. Bern: Hans Huber Verlag.

Lic. phil. Nusa Sager-Sokolic