Die Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe bei Kindern und Jugendlichen: Das Bedürfnis nach Bindung (2/4)

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Wir alle werden in unserem Alltag von Bedürfnissen geleitet. Wir streben danach Bedürfnisse zu befriedigen – positive Erfahrungen herbeizuführen und unangenehme Dinge von uns fern zu halten.
Klaus Grawe postulierte im Rahmen seiner Arbeiten vier Grundbedürfnisse, welche empirisch sehr gut validiert sind. Es handelt sich um das Bedürfnis nach Lust & Unlust, Bindung, Orientierung & Kontrolle und dem Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung & Selbstwertschutz.

Vor einiger Zeit konnten Sie hier einen Blogbeitrag zum Bedürfnis nach Lust respektive Unlust bei Kindern und Jugendlichen finden. Der heutige Blogbeitrag setzt sich nun mit dem Bedürfnis nach Bindung auseinander.

Für unser psychisches und physisches Wohlbefinden ist es unumgänglich, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden. Sind diese über längere Zeit nicht befriedigt, fühlen wir uns nicht wohl oder werden sogar krank.
Dies gilt sowohl für Erwachsene als eben auch für Kinder und Jugendliche. Gerade Kinder sind in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse noch sehr auf Erwachsene angewiesen. Aus diesem Grund scheint es sehr wichtig, dass Eltern, Betreuungspersonen, Therapeuten oder Leute, welche sich mit Kindern auseinandersetzen, ein Bewusstsein für wichtige Bedürfnisse haben und sich dieser annehmen.

Das Bedürfnis nach Bindung ist wohl eines der grundlegendsten Bedürfnisse, denn Bindung sichert dem Säugling das Leben. Durch die Erfahrung, dass jemand da ist, der zuverlässig, prompt und adäquat auf die Bedürfnisse des Säuglings eingeht, kann sich ein Vertrauen in das Gegenüber entwickeln. Schon die ersten Bindungserfahrungen prägen somit die spätere Beziehungsgestaltung des Kindes. Wir erwerben ein Modell wie Beziehungen funktionieren: Kann ich auf mein Gegenüber vertrauen? Ist es mir wohlgesinnt? Erlebe ich Beziehungen als angenehm?
Und auch im späteren Verlauf sind Bindungserfahrungen essentiell! Das Bedürfnis nach Bindung wird bei uns allen immer wieder aktiviert, da wir von Natur aus gesellige Wesen sind. Zu Beginn ist das Bedürfnis nach Bindung stark auf die Bezugspersonen, also Erwachsene oder deutlich ältere Personen, fokussiert. Zwar ist das Interesse an Gleichaltrigen schon gegeben, aber so wirklich in Interaktion treten (also zusammenspielen, nicht nebeneinander) wollen Kinder oftmals erst ab drei Jahren. Je älter Kinder werden, desto wichtiger werden Gleichaltrige. Und so verändern sich dann auch Bindungs- und Beziehungserfahrungen.
Während das Bindungsbedürfnis am Anfang (optimalerweise) noch automatisch durch die Bezugsperson befriedigt wird, müssen Kinder mit zunehmendem Alter Strategien lernen, um in Beziehung zu treten. Das ist oftmals auch ein erproben: Wie reagiert das Gegenüber, wenn ich ihm etwas weg nehme? Wie, wenn ich ihm etwas schenke? Muss ich etwas Spezielles tun, um gemocht zu werden? Die Vorstellung davon wie Beziehungen funktionieren verändert und verfestigt sich immer weiter.
Im Teenageralter sind es dann die Gleichaltrigen, welche besonders wichtig sind. Beziehungserfahrungen weiten sich von Freundschaften zu Beziehungen im Sinne von Partnerschaften aus. Es werden auch erste sexuelle Beziehungserfahrungen gesammelt.
Das Bindungsbedürfnis bleibt vom Zeitpunkt der Geburt (und eigentlich auch schon davor) bis zum Zeitpunkt des Todes vorhanden – die Interaktionspartner und Art und Weise, wie wir dieses Bedürfnis befriedigen, verändert sich jedoch fortlaufend – besonders auch im Kindes- und Jugendalter.

Doch was bedeutet dies nun konkret im Alltag?
Es ist sehr wichtig, Kindern ab Geburt eine positive Beziehungserfahrung zu ermöglichen. Diverse Studien zeigen, dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung einer der wichtigsten Ressourcen für das ganze Leben darstellt.
Auch wenn es von Aussen so aussehen mag, dass Eltern in der Wichtigkeit immer mehr abnehmen, so sind Kinder und Jugendliche immer noch sehr auf die Bindung zu Ihren Eltern angewiesen! Sie ermöglichen Ihnen ein Urvertrauen in Menschen zu entwickeln und prägen wie angenehm Beziehungen empfunden werden.
Zudem leben wir Erwachsene ein Modell von Beziehungen vor. Wir zeigen wie Beziehungen funktionieren, wie wir miteinander umgehen, was in Ordnung ist im Umgang mit anderen, wie andere mit einem umgehen dürfen, wo Grenzen erreicht sind, wie respektvoll wir uns verhalten, wie wir auf andere zugehen können, was zu Sympathie und was eher zu Ablehnung führt usw.
Durch all dies erhalten Kinder und Jugendliche ein Repertoire an Strategien ihr eigenes Bedürfnis nach Bindung zu befriedigen – auch im Erwachsenenalter.
Natürlich werden immer wieder neue Beziehungserfahrungen gemacht und Strategien können wieder verändert werden. Dennoch ist eine gute Bindung und die Befriedigung des Bindungsbedürfnisses im Kindesalter ein sehr wertvolles Geschenk für das weitere Leben.

 

Literatur:

Borg-Laufs, M. (2012). Die Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse als Weg und Ziel der Kinder- und Jugendpsychotherapie. Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (S. 6-19).

Grawe, K. (2002). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Werner & Smith, 2001

Werner, E. E. & Smith, R. S. (2001). Journeys from childhood to midlife: risk, resilience and recovery. Cornell University Press, Ithaca: NY.

 

Lic. phil. Nusa Sager-Sokolic