Die Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe bei Kindern und Jugendlichen: Das Bedürfnis nach Lust und Unlust (1/4)

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Bereits früh in der Geschichte der Psychologie entstand die Vorstellung, dass wir Menschen gewisse Grundbedürfnisse haben, die für unser Erleben und Verhalten von zentraler Bedeutung sind.
Klaus Grawe definierte im Rahmen seiner Arbeiten vier Grundbedürfnisse, welche empirisch gut untersucht und belegt sind. Es handelt sich hierbei um das Bedürfnis nach Lust & Unlust, Bindung, Orientierung & Kontrolle und dem Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung & Selbstwertschutz.

Für unser psychisch und physisches Wohlbefinden ist es unumgänglich, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden. Sind diese über längere Zeit nicht befriedigt, fühlen wir uns nicht wohl oder werden sogar krank.
Dies gilt sowohl für Erwachsene als eben auch für Kinder und Jugendliche. Gerade Kinder sind in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse noch sehr auf Erwachsene angewiesen. Aus diesem Grund scheint es sehr wichtig, dass Eltern, Betreuungspersonen, Therapeuten oder jegliche Leute, welche sich mit Kindern auseinandersetzen, ein Bewusstsein für wichtige Bedürfnisse haben und sich dieser annehmen.

Der heutige Blogbeitrag setzt sich mit dem Bedürfnis nach Lust respektive Unlust auseinander.
Der Umgang mit Lust und Unlust ist eines der wichtigsten Regulationsprinzipien in unserem Leben. Wir alle streben nach lustvollen Erfahrungen und wollen negative Emotionen wie beispielsweise Angst, Schmerz, Enttäuschung oder Verletzung vermeiden.
Kinder leben noch viel deutlicher nach dem Lustprinzip. Der Umgang mit nicht lustvollen Anteilen des Lebens müssen sie erst lernen. Oftmals geht es hierbei auch um das Thema der Frustrationstoleranz. Also darum Frustration, unangenehme Gefühle und Situationen aushalten zu können. Oder manchmal eben auch gewisse Unlust auf sich nehmen zu müssen, damit lustvolle Erfahrungen gemacht werden können (Stichwort: Belohnungsaufschub). Wir Erwachsenen kennen das ja genauso: Manchmal brauchen wir viel Disziplin und Motivation bis wir an unser Ziel kommen. Und auf unserem Weg gibt es immer wieder mal Hindernisse und allenfalls müssen wir manchmal wieder von vorne beginnen.
Für Kinder ist das Aushalten von und der Umgang mit Unlust jedoch noch viel schwerer! Es handelt sich um einen langwierigen Lernprozess.
An dieser Stelle können wir uns die Frage stellen wie Kinder in diesem Prozess optimal unterstütz werden können. Es ist keineswegs das Ziel Kinder mit unlustvollen Erfahrungen zu überhäufen, damit sie dies gut lernen können!
Studien konnten zeigen, dass je nachdem welche Erfahrungen wir in der Kindheit gemacht haben, wir unsere Umgebung zukünftig eher als Quelle von positiven oder negativen Erfahrungen erleben. Ein Kind mit unlustvollen Erfahrungen zu überhäufen, würde daher eher dazu führen, dass ein Kind in einer vermeidenden und abwehrenden Haltung dem Leben gegenübertritt.
Gerade kleinere Kinder sind aufgrund ihrer Hirnentwicklung oftmals auch noch gar nicht im Stande mit unlustbereitenden Erfahrungen adäquat umzugehen. Es ist daher wichtig eine Balance zu finden, Kindern immer wieder mal Frustration und Unlust zuzumuten, damit sie den Umgang damit lernen können, aber sie nicht in einem ständigen Zustand der Unlust leben zu lassen.
Wichtig ist hierbei auch im Auge zu behalten, dass es sich um eine emotional-kognitive Ebene handelt: Was also Lust oder Unlust bereitet, kommt aufgrund eines individuellen Bewertungsprozesses zu Stande und kann nicht generell gesagt werden. So kann es sein, dass ein Kind etwas als lustvoll erlebt, was dem Anderen eher Unlust bereitet.

Das Aufwachsen von Kindern ist viel häufiger mit Frustration und Unlust verbunden als wir uns bewusst sind. Achten Sie sich einmal wie oft Säuglinge üben müssen, bis sie sich drehen, sitzen oder eigenständig die ersten Schritte gehen können. Und selbst dann fallen sie immer wieder hin und müssen wieder aufstehen. Kleinkinder möchten selbstständig sein, sich selber anziehen, aber die Socke will einfach nicht über den Fuss gehen und irgendwie stecken immer zwei Beine im selben Hosenbein. Oder auch Kinder und Jugendliche: Wie oft müssen sie (unliebsame) Dinge lernen, wiederholen und üben, bis sie es können?

Wenn Sie den Eindruck haben, dass bei Ihrem Kind oder bei Ihnen selber zu wenig Platz für lustvolle Momente besteht: Schauen Sie genau hin. Wo gibt es Möglichkeiten für lustvolle und freudige Erfahrungen? Und wo können Sie diese allenfalls aktiv in den Alltag einbauen?

Sei es, dass Ihr Kind nach Lust und Laune in der Regenpfütze umherspringen kann, Ihr Jugendliche beim Nachtessen Mitspracherecht bekommt (auch wenn es sich nicht um die gesündeste oder die von Ihnen präferierte Mahlzeit handelt) oder dass Sie sich in Ruhe einen Nachmittagskaffee oder Tee gönnen. Lustvolle Momente wahrzunehmen und in das Leben einzuplanen bringt Freude und hilft unser Bedürfnis nach Lust zu befriedigen. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen.

 

Literatur:

Grawe, K. (2002). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

 

Lic. phil. Nusa Sager-Sokolic