Jugendgewalt verstehen

https://www.skppsc.ch/de/themen/gewalt/jugendgewalt/

„Präventionsexperten sind beunruhigt, immer mehr Jugendliche schlagen zu“ (Tagblatt, 29.06.2019)

„Abwärtsspirale bis zur finalen Erschöpfung – weshalb der Richter Carlos gegen seinen Willen in die Therapie schickt“ (Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2019)

„Gewalt im Ausgang nimmt zu – ein falscher Blick und schon gibt es eine Schlägerei“ (SRF Dok, 21.11.2019)

 

Jugendgewalt war im Jahr 2019 ein zentrales Thema in den Medien. Doch wer sind eigentlich diese gewalttätigen Jugendlichen? Was treibt sie dazu, Gewalt anzuwenden?

Alter, Nationalität, Religionszugehörigkeit oder sozioökonomischer Status – all diese Facetten und viele mehr sind bei jugendlichen Gewaltstraftätern sehr divers. Was zahlreiche gewalttätige Jugendliche allerdings gemeinsam haben ist, dass es bereits in ihrer frühen Kindheit zu schweren Verletzungen der von Klaus Grawe (2004) formulierten Grundbedürfnisse nach Bindung, Selbstwert, Orientierung / Kontrolle und Lust gekommen ist.

Sei es, dass sie von einem oder beiden Elternteilen getrennt aufgewachsen sind, einen Teil ihrer Familie im Krieg verloren haben (Bindung), oder dass sie früh emotionalen Missbrauch erfahren oder schulische Misserfolgserfahrungen gemacht haben (Selbstwert). Nicht selten waren gewalttätige Jugendliche in ihrer Kindheit emotionaler und körperlicher Vernachlässigung, sexuellen Übergriffen oder inkonsistentem Erziehungsverhalten ausgesetzt (Orientierung / Kontrolle). Viele erlebten Gewalt in der Erziehung oder mussten früh Verantwortung für die Familie übernehmen (Lust). Zahlreiche jugendliche Gewaltstraftäter waren in ihrer Kindheit nicht nur einer, sondern mehrerer der soeben genannten bedürfnisverletzenden Erfahrungen ausgesetzt.

Spätestens in der Pubertät entwickeln viele Jugendliche dysfunktionale Bewältigungsstrategien, um weitere Bedürfnisverletzungen und das damit verbundene Erleben negativer Emotionen wie Angst, Scham und Schuld zu vermeiden. Häufig gehen sie keine tiefen Beziehungen mehr ein und pflegen nur noch oberflächliche Freundschaften, in denen sie keine Schwächen zeigen müssen. Weiter entziehen sie sich – aus Angst vor erneutem Misserfolgserleben – oft prosozialen Strukturen wie Schule und Beruf und beginnen, um die negativen Emotionen besser aushalten zu können, illegale Substanzen zu konsumieren. Sie definieren sich auf der Suche nach Halt und Orientierung über die Zugehörigkeit zu Gruppierungen, die sich „von niemandem etwas sagen lassen“ bzw. die „auf der Strasse zum Rechten schauen“. Mit diesen Bewältigungsstrategien gelingt es den Jugendlichen kurzfristig das zu erreichen, was ihnen in ihrer Kindheit verwehrt geblieben ist – nämlich sich zugehörig zu fühlen (Bindung), Anerkennung und Bewunderung zu erlangen (Selbstwert), sich selbstwirksam und stark zu erleben (Kontrolle) und einen lustorientierten Lebensstil zu führen (Lust).

Dysfunktional sind die Bewältigungsstrategien allerdings deshalb, weil dieses Verhalten langfristig wiederum zu Verletzungen ihrer Grundbedürfnisse führt. So erleben sie schliesslich aufgrund ihrer grenzverletzenden Verhaltensweisen und dem Rückzug aus prosozialen Strukturen Zurückweisung durch die Eltern und Lehrpersonen sowie Ausgrenzung aus der Gesellschaft (Bindung). Sie erleben sich als schulisch-berufliche Versager und machen die Erfahrung, zwar Anerkennung für dominantes, grenzverletzendes Verhalten zu erfahren, aber auf keinen Fall Schwäche und Verletzlichkeit zeigen zu dürfen, ansonsten nicht geliebt zu werden (Selbstwert). Des Weiteren erleben sie Autonomieeinschränkungen und Fremdbestimmung (Kontrolle) und sind zahlreichen Konflikten mit anderen Jugendlichen sowie Bestrafung durch die Jugendanwaltschaft (Lust) ausgesetzt. Daraus resultieren – im Sinne eines sich verstärkenden Teufelskreises – wiederum vermehrte dysfunktionale Bewältigungsstrategien.

Vielen Jugendlichen gelingt es nicht, selbstständig diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Die psychotherapeutische Behandlung dieser Jugendlichen ist – meist neben weiteren jugendanwaltschaftlichen Unterstützungsmassnahmen (z.B. Familienbegleitung, sozialpädagogische Unterbringung) ein essentieller Pfeiler, um den Jugendlichen das Durchbrechen dieses Teufelskreises zu ermöglichen.

Ziel ist es, dass gewalttätige Jugendliche im Rahmen der Therapie ihre dysfunktionalen Bewältigungsstrategien abbauen und langfristig funktionale Strategien zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse aufbauen können. So werden jugendliche Gewaltstraftäter in der Psychotherapie einerseits darin unterstützt, ihre Angst vor Bindungs- und Kontrollverlust, bzw. ihre Angst vor Abwertung ihres Selbst und vor Unlusterleben zu bewältigen. Andererseits lernen sie im Rahmen der Therapie emotionale Nähe zuzulassen und so langfristig befriedigende Beziehungen zu leben. Weiter erfahren sie Unterstützung im Aufbau eines stabilen Selbstwerterlebens und es werden gemeinsam mit den Jugendlichen Strategien erarbeitet, wie sie ihr Selbstwirksamkeitserleben im Alltag erhöhen und ihr Lustbedürfnis auf legale Weise befriedigen können.

 

Literatur:

Baglivio, M.T., Wolff, K.T., Piquero, A.R., & Epps, N. (2015). The Relationship between Adverse Childhood Experiences (ACE) and Juvenile Offending Trajectories in a Juvenile Offender Sample. Journal of Criminal Justice, 43, 229-241.

Chevalier, C. (2007). Kindliche Traumata und komplexe Posttraumatische Belastungsstörung bei forensischen Patienten (Dissertation). Abgerufen von https://epub.ub.uni-greifswald.de/frontdoor/index/index/docId/332

Grawe, K. (2002). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe

 

 

MSc Laura Just