Scham und Schuld

 

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In unserem Blog vom 1. März 2021 wurde Scham – ein unangenehmer aber wichtiger Botschafter – beleuchtet. Eng verwoben mit Scham ist die Emotion Schuld. Bei beiden Emotionen besteht oft der verständliche grosse Wunsch, sie aus dem Leben zu verbannen, dennoch sind auch sie wertvolle Emotionen, deren individuelle Bedeutung es zu entdecken gilt, denn ein guter Zugang zu Emotionen bedeutet auch eine bessere Emotionsregulation.

 

Scham- und Schulderleben gehören zu den sozialen Emotionen. Sie formen sich etwa im Alter von 2 bis 3 Jahren mit beginnender Reifung einer eigenen Identität. Mit zunehmendem Alter zeigen sich moralische Aspekte, die individuelle Bedeutung und Wertung von Ereignissen in Bezug auf die eigene Person. Das gesellschaftliche und kulturelle System, das eine Person umgibt, ist massgeblich beteiligt an der Ausprägung des individuellen und moralischen Empfindens. Internalisierte Werte, Normen und Regeln sowie familiäre Besonderheiten bilden einen festen Bestandteil für das Entstehen individuellen Scham- und Schulderlebens. Werte, Normen und Regeln dienen der inneren und äusseren Orientierung, bieten Schutz und Grundlage für die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, der Verstoss gegen diese Werte, Normen und Regeln kann Scham- und Schuldgefühle verursachen.

 

Scham und Schuld fördern grundsätzlich prosoziales Verhalten, dienen der Festigung von Bindungen und unterstützen die persönliche Weiterentwicklung.
Scham ist für andere Menschen oft gut sichtbar und motiviert diese zu sozialen ‚Einbindungsgesten‘, Schuld motiviert dazu, einen Schaden anzuerkennen, Wiedergutmachung oder Reue zu bekunden.
Zu viel Schamerleben kann hingegen verhindern, dass sich ein verantwortungsvoller Blick auf reale Schuldanteile entwickelt. Selbstverantwortung und Selbstfürsorge sind wichtige Bestandteile der Persönlichkeitsentwicklung. Ein zu starkes Schulderleben kann dazu führen, dass Menschen zu schnell Wiedergutmachungshandlungen zeigen und Reue bekunden.

 

Scham- und Schulderleben kann entstehen, wenn:

  • Eigene Grenzen oder die einer anderen Person überschritten werden (oder als überschritten wahrgenommen werden),
  • wiederholte Invalidierung durch nahestehende Personen und andere invalidierende Erfahrungen erlebt werden,
  • die Intimität verletzt wird,
  • die Entwicklung von Individualität und Autonomie (massiv) eingeschränkt wird,
  • Verlust von Fähigkeiten und Fertigkeiten auf körperlicher und mentaler Ebene erfahren wird.

 

Sie werden häufig erlebt rund um die Themen:

  • (empfundenen) Verantwortung.
  • eigener Körper und insbesondere dessen Geschlechtsorgane,
  • eigene Sexualität und Lustempfinden,
  • nicht erbrachte Leistungen,
  • Ablehnungs- und Abwertungserfahrungen.

 

Insbesondere bei körperlichen und psychischen Erkrankungen stellen Scham- und Schulderleben einen wesentlichen Teil des inneren Leidensdrucks dar. Sowohl ein Übermass als auch ein Mangel an Scham- und Schulderleben kann problematisch sein und einen Hinweis auf psychische Erkrankungen geben.

 

Unterschiede zwischen Scham und Schuld:

  • Scham bezieht sich auf die gesamte Person (‚Ich bin Scham‘) und entsteht, wenn Misserfolge oder Fehlverhalten in Bezug auf soziale Personen der eigenen Person als Gesamtes zugeschrieben wird. Folge ist wenig Wohlwollen und Mitgefühl der eigenen Person gegenüber, führt zu Rückzug und ist assoziiert mit Einsamkeitserleben und Trauer. Selbstverletzungen, Dissoziation, Derealisation sowie suizidale Krisen entspringen oft massivem Schamerleben.
  • Schuld hingegen ist ein Resultat der Bewertung des eigenen Verhaltens und Handelns (‚ich habe Schuld‘). Häufig folgt auf Schulderleben eine hohe Motivation, Schuld zu begleichen, Reue zu bekennen und Verantwortung zu übernehmen, es entsteht eine Aufmerksamkeit für das Gegenüber, zu dem Bindung erhalten werden soll.

 

Schuld und Scham haben einen ‚ansteckenden‘ Charakter, Scham scheint für viele Menschen das grössere Ansteckungspotential zu haben. Eine Person, die einem nahesteht und Scham erlebt, fördert bei einer positiven Beziehung selbst Scham, Mitgefühl, Zuwendung und Mitleid. Bei negativen Beziehungen können Schadenfreude und Rachefantasien entstehen. Schulderleben bei einer Person zu beobachten, kann Ärger, Unzufriedenheit bis Wut auslösen.

 

Menschen mit maladaptivem Scham- und Schulderleben erfahren häufig, dass das Sich-Sorgen um die eigenen Bedürfnisse von einem unangenehmen emotionalen Erleben begleitet wird. Sie vermeiden daher solche Erfahrungen, indem die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt werden. Selbstwertschutz und -erhalt ist jedoch ein Grundbedürfnis von Menschen! Eine wichtige Selbstwertquelle ist daher auch der gute Umgang mit sich und den eigenen Emotionen.

 

 

 

Literatur:

Lammers, M. (2020). Scham und Schuld – Behandlungsmodule für den Therapiealltag. Stuttgart: Schattauer.

 

 

 

Lic. phil. Barbara Heiniger Haldimann