Wie wir trotz Jobunsicherheit erfüllt leben können

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Über 30 Prozent aller Arbeitnehmenden in der Schweiz waren im Frühjahr 2020 infolge der Coronakrise von Kurzarbeit betroffen. Das sind mehr als 1.7 Millionen Menschen. Nicht nur die Mehrheit davon, sondern auch die unzähligen Selbstständigerwerbenden, die als Folge der Coronakrise massive finanzielle Einbussen in Kauf nehmen müssen,  leben seit mittlerweile acht Monaten in einem Zustand ausgeprägter Jobunsicherheit. Hat man im Frühjahr 2020 noch gedacht, dass dieser Spuck bald vorbei sein wird, zerstörte die zweite Welle die Hoffnung auf ein baldiges Licht am Ende des Tunnels.

Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zwischen einer unsicheren Arbeitssituation und  psychischem Leiden. Warum ist dem so? Und was können Sie als betroffene Person tun, um Ihr psychisches Wohlbefinden zu verbessern? Diesen Fragen gehe ich im Folgenden basierend auf der von Klaus Grawe formulierten Konsistenztheorie nach. Diese Theorie geht davon aus, dass die Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse zu Wohlbefinden führen kann, deren Verletzung hingegen zu psychischem Leiden.

 

Durch die Jobunsicherheit kommt es zu einer Verletzung der von Klaus Grawe formulierten psychologischen Grundbedürfnisse nach Kontrolle und Orientierung, Selbstwerterhöhung, Bindung sowie Lustgewinn:

Das Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung ist das durch die Jobunsicherheit am stärksten verletzte Grundbedürfnis. Es ist nicht nur unklar, wie lange die Unsicherheit noch andauert, sondern auch, ob gar die Kündigung drohen wird. Weiter fehlt die Möglichkeit, die Situation selbst positiv beeinflussen zu können. Eine berufliche Neuorientierung kommt (noch) nicht in Frage – schliesslich könnte ja alles wieder gut kommen und man findet in der aktuellen Situation ja sowieso keinen anderen Job.

Die Jobunsicherheit bringt aber auch das Gefühl, in der Arbeitswelt „nicht gebraucht zu werden“ oder „wertlos zu sein“ und somit eine Verletzung des Bedürfnisses nach positivem Selbstwerterleben mit sich. Es fehlt plötzlich die zur Stabilisierung des Selbstwerterlebens so wichtige Anerkennung und das Kompetenzerleben im Beruf. Nicht zuletzt kann die unklare berufliche Perspektive auch zu einer Identitätskrise führen – ist der Beruf schliesslich ein wichtiger identitätsstiftender Faktor.

Als müssten wir uns infolge der Coronakrise nicht schon genug isolieren, kommt auch noch der (drohende) Verlust von Beziehungen zu Arbeitskollegen und somit eine Verletzung des Bindungsbedürfnisses hinzu.

Schliesslich haben der Wegfall von schönen Erlebnissen am Arbeitsplatz und die finanziell unsichere Zukunftsperspektive, welche auch dazu führt, dass weniger (kostspielige) alternative lustvolle Erlebnisse herbeigeführt werden können, eine Verletzung des Lustbedürfnisses zur Folge.

 

Umso wichtiger ist es in der aktuellen Situation, alternative Wege zur Befriedigung der Grundbedürfnisse zu finden und so das psychische Wohlbefinden zu verbessern:

Befriedigen Sie ihr Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle indem  Sie eine regelmässige Tagesstruktur einhalten und sich neue, beeinflussbare private Ziele setzen. Wollten Sie nicht schon lange mal Ihr Lieblingslied auf der Gitarre spielen können? Oder eine neue Sprache lernen? Oder auf einen Halbmarathon trainieren? Wie ist es mit dem Fotoalbum der letzten Jahre, für das Sie bisher nie Zeit gefunden haben? Setzen Sie sich zudem mit einem beruflichen Plan B auseinander. Wer weiss, vielleicht könnte die unklare berufliche Perspektive auch eine Chance sein?

Rufen Sie sich Ihre bisher erreichten (beruflichen) Erfolge und ihre Stärken, die Ihnen diese Erfolge überhaupt erst ermöglicht haben, in Erinnerung. Setzen Sie sich kleine Tagesziele und seien Sie stolz, wenn Sie diese erreicht haben! Und bieten Sie Hilfsbedürftigen Ihre Hilfe an. Es gibt im Moment genug Personen, die Unterstützung benötigen. Sie können dadurch nicht nur jemand Anderem helfen, sondern sich selbst gleichzeitig nützlich und wertvoll erleben und somit ihr Bedürfnis nach positivem Selbstwerterleben befriedigen.

Denken Sie daran – Sie sind im Moment nicht der oder die Einzige mit unsicherer beruflicher Perspektive. Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus und erzählen sie ganz offen, wie es Ihnen mit dieser Unsicherheit geht. Sie werden merken, nur schon das Gefühl verstanden zu werden und nicht alleine im Boot zu sitzen, wird Sie etwas entlasten. Und wer weiss, vielleicht entstehen zu zweit ja noch viel bessere Ideen, wie man die aktuelle Situation auch positiv nutzen könnte? Zeigen Sie Ihre Verletzlichkeit und Ängste aber nicht nur gegenüber anderen Betroffenen, sondern vor allem auch gegenüber Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin, ihrer Familie und Ihren Freunden: Nur so können Sie die Erfahrung machen, verstanden zu werden und somit die Beziehung zu ihrem Umfeld stärken und ihr Bedürfnis nach Bindung befriedigen.

Und zu guter Letzt soll auch das Lustbedürfnis nicht zu kurz kommen. Überlegen Sie sich, welche Dinge in Ihrem Leben jetzt einfach grad gut sind, so wie sie sind. Machen Sie all das worauf sie Lust haben und all das was Ihnen gut tut. Sie werden nie mehr so viel Zeit dafür haben!

Führen all diese Weg nicht zu einer Verbesserung Ihres psychischen Wohlbefindens, holen Sie sich rechtzeitig professionelle Hilfe und lernen Sie mittels therapeutischer Unterstützung, Ihre Grundbedürfnisse trotz der aktuell sehr herausfordernden Situation erfolgreich zu befriedigen.

 

 

Literatur:

 

 

MSc Laura Just