In den letzten (Corona-) Monaten wurde viel geredet und geschrieben über und geklatscht für Menschen in Pflegeberufen. Der Kampf um Anerkennung dieser Arbeit und entsprechende Entlöhnung geht weiter. Neben den professionellen Pflegenden gibt es auch eine andere Gruppe von Menschen, deren Einsatz oft im Stillen passiert und der mit zahlreichen zeitlichen, körperlichen und emotionalen Belastungen einher geht. Die Rede ist von pflegenden Angehörigen.

Ein Bericht des eidgenössischen Departements des Innern EDI geht davon aus, dass in der Schweiz schätzungsweise

  • 8600 Familien ein (schwer) behindertes Kind haben, das dauerhaft auf Hilfe angewiesen ist;
  • 40 Prozent der 50- bis 64-Jährigen an einer oder mehreren chronischen Krankheiten leiden und zwischen 680 000 und 750 000 Frauen und Männer im Alter von 15 bis 64 Jahren innerhalb eines Jahres informelle Hilfe von Angehörigen benötigen;
  • bei den über 80-Jährigen rund 70 Prozent an einer oder mehreren chronischen Krankheiten leiden, bei den über 65-jährigen Männer und Frauen zwischen 220 000 und 260 000 Personen informelle Hilfe beanspruchen;
  • aufgrund der demografischen Entwicklung die Anzahl pflegebedürftiger älterer Menschen bis 2030 um schätzungsweise 46 Prozent zunehmen wird.

Insbesondere die emotionalen Belastungen sind für pflegende Angehörige oft vielfältig und hoch, z.B.:

  • Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen (Demenz, Autismus),
  • Abschied von gepflegten Personen,
  • Konflikte mit anderen Familienangehörigen bezüglich der Übernahme von Pflegeaufgaben.

In der Summe können all die Belastungen einen starken Stressfaktor im Leben von Pflegenden darstellen und gehen oft mit Überlastungs- und Depressionssymptomen einher. Es ist daher naheliegend, dass für pflegende Angehörige eine psychologische Unterstützung sinnvoll und wichtig sein kann. In unterschiedlichen (internationalen) Studien konnte gezeigt werden, dass verhaltenstherapeutische Interventionen (in Gruppen, in persönlichen, telefonischen oder Online-Kontakten) für pflegende Angehörige wirkungsvoll sind.

Pflegende Angehörige sind in der Regel Personen, die einen persönlichen und nicht professionellen Bezug zu einer Person mit chronischer Erkrankung oder Behinderung haben und diese auf unterschiedliche Weise unterstützen. Für einen Grossteil der Angehörigen stellt die Pflege eines Familienmitglieds einen hohen Wert im persönlichen und/oder Wertesystem des eigenen Kulturkreises bzw. Herkunftsfamilie dar, was einerseits zu einer Befriedigung und zur Entwicklung von neuen Fähigkeiten und zu Sinngebung, andererseits – wie bereits erwähnt – zu hohen Belastungen führen kann. Die stärksten objektiven und subjektiven Belastungen für die Angehörigen entstehen bei der Pflege von Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen und Persönlichkeitsveränderungen, z.B. bei Demenz, Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder Schizophrenie und bei Tumorpatienten. Neben der zeitlich hohen Anforderung (die meisten Angehörigen sind gleichzeitig selber berufstätig) und finanziellen Belastungen sind insbesondere das Erleben des Leidens des Gepflegten sowie die eigene Ohnmacht, nicht helfen zu können und der unkontrollierbare und unvorhersehbare Krankheitsverlauf die stärksten Belastungsquellen. Konkrete Folgen sind z.B.

  • Einschränkung der Hobbies und Ferien und weniger Zeit für die anderen Familienangehörigen und Freunde, Mangel an sozialen Kontakten, soziale Isolation;
  • Berufliche Schwierigkeiten, z.B. häufiges Ändern von Terminplänen, Reduktion der Arbeitszeit, unbezahlte Fehlzeiten, Angst vor Arbeitsplatzverlust;
  • Allgemein Sorgen und Unsicherheit bezüglich der Zukunft;
  • Konfrontation mit der Endlichkeit der eigenen Gesundheit und Selbständigkeit;
  • Intensive Gefühle wie Wut und Ärger, Ekel, Hilflosigkeit und Angst, Schuld, Verlusterleben und Trauer;
  • Depressive Symptome, niedrigere Selbstwirksamkeit, ein geringeres Wohlbefinden sowie eine schlechtere Immunfunktion und sogar erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsraten.

Pflegende Angehörige sind in der Regel nicht psychisch krank und entwickeln nicht zwangsläufig eine Belastungsstörung bzw. psychische Erkrankung, erleben aber oft depressive Symptome oder Erschöpfungszustände, welche sich langfristig zu einer psychischen Störung entwickeln können.

Wichtige Punkte bei psychosozialen und therapeutischen Unterstützungskonzepten sind:

  • Normalisieren der Überlastungsreaktion: Was pflegende Angehörige erleben ist angesichts der belastenden Situation normal!
  • Betonung der Ressourcen, Fähigkeiten und Stärken der Angehörigen: Sie sind die Experten der Pflegesituation!
  • Würdigung der Belastungssituation und Wertschätzung der Pflegeleistung: Sie verdienen Anerkennung und Hochachtung!
  • Empathisches Verständnis und Raum für das Mitteilungsbedürfnis: Sie haben Raum und Zeit für ihre Bedürfnisse und Anliegen!
  • Förderung des Annehmens von Veränderungen und Verlusten, empathische Begleitung von oft langwierigen und schmerzlichen Prozessen: geteilter Schmerz ist meist erträglicher!
  • Förderung von Erkrankungswissen und Pflegekompetenz: Informationen zum jeweiligen Krankheitsbild, den damit verbundenen Veränderungen und Beeinträchtigungen und möglichen medizinischen und pflegerischen Massnahmen.
  • Veränderung von pflegebezogenen dysfunktionalen Gedanken und Einstellung (z.B. ‘ich muss immer verfügbar sein, bin allein verantwortlich’, ‘ich bin schuld an der Erkrankung, habe mich zu wenig gekümmert, kann meine Freizeit nicht geniessen, während der Erkrankte auf mich wartet’, ‘mein erkrankter Angehöriger macht mir mit Absicht das Leben schwer’, er könnte dankbarer sein, strengt sich nicht richtig an’, ‘mein erkrankter Angehöriger macht uns lächerlich, er ist peinlich, niemand soll merken, dass er krank ist’).
  • Auseinandersetzung mit der Entscheidung zur Übernahme der Pflege und der dadurch entstehenden Rollenveränderung.
  • Problemstrukturierung und Problemanalyse, um aus alten Mustern auszubrechen und neue Problemlösungen zu suchen und finden.
  • Förderung der Selbstfürsorge: ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, Bewegung und andere Aktivitäten, die leicht in den Alltag integriert werden könne; Abgabe von Pflichten; Schaffen von Freiräumen und Organisation von sozialen Kontakten (Familie und Freunde).
  • Reflexion von eigenen Lebenszielen und Wertvorstellungen: z.B. was gibt Kraft? Was liegt ‘am Herzen’?
  • Auseinandersetzung mit den Folgen von Gefühlsvermeidung/-unterdrückung bzw. Förderung der Akzeptanz (z.B. wohltuende Aktivitäten ausführen können trotz Ängsten, Schuldgefühlen und Sorgen); Strategien zum Umgang mit belastenden Emotionen und Stress.
  • Förderung der Inanspruchnahme professioneller Unterstützung (z.B. ambulante Pflege, Mahlzeitendienst, Hilfsmittel, Haushalthilfe, Besuchs- und Betreuungsdienste, Wohngemeinschaften, stationäre Pflegemöglichkeiten).
  • Förderung der Unterstützung innerhalb des familiären Systems.
  • Unterstützung im Umgang mit Sterben und Tod.

Um mit den Worten auf der Homepage der Pro Senectute zu schliessen:Es ist nicht selbstverständlich, dass Sie Ihre Angehörigen betreuen. Sie müssen die Betreuung nicht alleine übernehmen. Klären Sie für sich selber, mit der Familie und den Geschwistern, was Sie oder andere Angehörige gerne selber an Betreuung übernehmen möchten und können. Wichtig ist, dass alle so viel übernehmen, wie es ihre Ressourcen zu lassen. Ein Gespräch mit einer Fachperson (…) kann helfen, die Situation realistisch einzuschätzen. Zudem können Ihnen Fachpersonen mögliche Unterstützungs- und Entlastungsangebote aufzeigen.‘

Literatur:

Wilz, G., Pfeiffer, K. (2019) Pflegende Angehörige. Fortschritte der Psychotherapie Band 73. Göttingen: Hogrefe.

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/politische-auftraege-und-aktionsplaene/aktionsplan-pflegende-angehoerige.html

https://www.prosenectute.ch/de/ratgeber/gesundheit/angehoerige-pflegen.html

Lic. phil. Barbara Heiniger Haldimann