Scham: ein unangenehmer, aber wichtiger Botschafter

Scham hat, wie jede Emotion, eine Funktion. Sie ist nicht Ursache einer psychischen Störung oder Identitätskrise, sondern deren Folge. Das Schamgefühl alarmiert und weist wie ein Sensor darauf hin, dass unsere Identität gefährdet ist. Es tut sich ein Graben auf zwischen unserem gewohnten Selbstverständnis und der neu erfahrenen Realität.

Durch Scham werden wir auf eine Weise mit uns selbst konfrontiert, die – im Gegensatz zu Angst oder Wut – keine Flucht und keinen Angriff zulässt. Vielmehr werden wir gezwungen, uns selbst einer Prüfung zu unterziehen, um die erlittene Einbusse an Selbstverständnis oder Identität zu beheben.

Oft braucht es eine gewisse zeitliche Distanz, um Schamgefühle überhaupt zulassen zu können. Die Abwehr von Scham ist umso verständlicher, je verletzlicher wir sind und je grösser unsere psychische Belastung ausfällt.

Scham macht uns unsere Verletzlichkeit schmerzlich spürbar. Sie zeigt uns auf, dass wir uns nicht über uns selbst erheben können und dass wir uns unsere soziale Eingebundenheit eingestehen müssen.

Im Alltag stellt sich deshalb immer wieder die Frage, worauf unsere Scham, die wir erleben, hinweist. Schämen wir uns, weil wir sozialen Wertvorstellungen nicht entsprechen? Zum Beispiel wegen unserer Herkunft, unserer Religion, der Schulbildung oder sexuellen Orientierung. Oder schämen wir uns, weil wir unseren persönlichen Überzeugungen oder Wertvorstellungen zuwidergehandelt haben? Zum Beispiel weil wir gelogen, jemanden beschämt oder nicht ethisch oder mutig gehandelt haben.

In beiden Fällen zeigt uns Scham eine Problematik auf. Aber die Lösung der beiden Problembereiche ist grundverschieden. Während wir im ersten Fall – der sozialen Scham – darum bemüht sein müssen, uns nicht durch Überanpassung selbst zu verleugnen, gilt es im zweiten Fall – der persönlichen Scham – uns der inneren Wahrheit vermehrt zu stellen und, wenn wir Schaden angerichtet haben, ihn möglichst wiedergutzumachen.

Um diese Unterschiede zu eruieren, ist es unausweichlich, dass wir uns der Scham stellen. Auch um zu erkennen, ob wir uns für Falsches schämen, hilft es, unsere Scham letztlich ernst zu nehmen.

Dabei kann es helfen, sie besser zu akzeptieren, indem wir uns bewusst machen, dass die Scham zwar eine unangenehme Botschaft enthält, aber selbst nicht schädlich ist. Manchmal können Humor und Selbstironie dazu beitragen, die unangenehme Botschaft der Scham distanzierter wahrzunehmen. In anderer Weise erleichtern Meditations- oder Achtsamkeitsübungen eine einfachere Annahme der Schamgefühle. Psychotherapie kann vor allem bei schwereren Emotions- und Persönlichkeitsproblemen dazu verhelfen, ein neues Gleichgewicht zu finden, wenn Scham eine Identitätskrise anzeigt.

In der Regel geht es darum, einen konstruktiven statt einen abwehrenden Umgang mit Scham zu entwickeln. Dazu verhilft auch ein besseres Verständnis der Scham als grundlegendes menschliches Gefühl.

«Ich erkenne mich in der Scham wieder als der, der ich bin», sagte Verena Kast (2007).

Literatur:

Hell, D. (2018). Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen. Psychosozial-Verlag, Giessen.

Kast, V. (2007). Umgang mit Schuld und Scham. CD 2, Kapitel 6[Audio-CD]. Zürich (Uni Zürich, SS, 12 CDs): Auditorium.

Lic. phil. Martina Rakus-Gees