Die Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe bei Kindern und Jugendlichen: Das Bedürfnis nach Kontrolle und Autonomie (3/4)

Wir alle werden in unserem Alltag von Bedürfnissen geleitet. Wir streben danach Bedürfnisse zu befriedigen – positive Erfahrungen herbeizuführen und unangenehme Dinge von uns fern zu halten.
Klaus Grawe postulierte im Rahmen seiner Arbeiten vier Grundbedürfnisse, welche empirisch sehr gut validiert sind. Es handelt sich um das Bedürfnis nach Lust & Unlust, Bindung, Orientierung & Kontrolle und dem Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung & Selbstwertschutz.
Für unser psychisch und physisches Wohlbefinden ist es unumgänglich, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden.
Dies gilt sowohl für Erwachsene als eben auch für Kinder und Jugendliche. Gerade Kinder sind in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse noch sehr auf Erwachsene angewiesen. Aus diesem Grund scheint es sehr wichtig, dass Eltern, Betreuungspersonen, Therapeuten oder Leute, welche sich mit Kindern auseinandersetzen, ein Bewusstsein für wichtige Bedürfnisse haben und sich dieser annehmen.

Vor einiger Zeit konnten Sie hier einen Blogbeitrag zum Bedürfnis nach Lust/Unlust sowie zum Bedürfnis nach Bindung bei Kindern und Jugendlichen finden. Der heutige Blogbeitrag setzt sich nun mit dem Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle auseinander. Da es sich um ein sehr vielfältiges Thema handelt, wird in diesem Blogbeitrag auf das Bedürfnis nach Kontrolle und Autonomie fokussiert sowie etwas stärker auf Kinder eingegangen. Zu einem späteren Zeitpunkt folgt ein Blogbeitrag zum Thema Orientierung und Kontrolle, welcher mehr auf das Jugendalter fokussiert.

Das Bedürfnis nach Kontrolle und Autonomie begleitet uns alle von Geburt an. Jedoch haben wir alle ein unterschiedlich grosses Bedürfnis nach Kontrolle. Während einige Babys sich scheinbar nur gut entwickeln können, in dem Sie eine ganz klare Struktur und Regelmässigkeit im Alltag haben, spielt das für Andere eine weniger wichtige Rolle. In der Entwicklung von Kindern können eigentlich sämtliche (motorischen) Entwicklungsschritte unter dem Bedürfnis „Kontrolle und Autonomie“ eingeordnet werden. Babys beginnen sich zu bewegen, drehen, essen, kriechen, laufen, weil sie einen inneren Motor nach Autonomie besitzen.
Spätestens im zweiten Lebensjahr wird dann dieses Bedürfnis auch für die Erwachsenen deutlich spürbar: Die Kinder kommen in die Autonomiephase. Sie wollen alles alleine machen. Oftmals stossen sie dabei jedoch an die Grenzen des Machbaren, was mit viel Frustration verbunden ist. Solche Autonomiephasen treten in der Entwicklung von Kindern immer wieder auf bis sie dann im späteren Jugendalter (optimalerweise) in einer Ablösung und Eigenständigkeitsfindung enden.

“Das Kontrollbedürfnis ist (…) ein Bedürfnis, etwas zu können, was zur Herbeiführung und Aufrechterhaltung der eigenen Ziele wichtig ist. Es bezieht sich (…) auf den Kompetenzaspekt der psychischen Aktivität. Etwas nicht im Sinne eigener Ziele kontrollieren zu können, was einem sehr wichtig ist, stellt eine schwerwiegende Verletzung des Grundbedürfnisses nach Kontrolle dar“ (Grawe, 2002, S. 288).

Genau deshalb ist es so wichtig, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Bemühen um Kontrolle und Autonomie immer wieder bestärkt werden. Bereits in der frühen Kindheit entwickelt sich die Grundüberzeugung inwieweit das Leben einen Sinn macht und inwiefern man darauf Einfluss nehmen kann (Konzept der Kontrollüberzeugung nach Rotters, 1966).
Kinder, welche in ihrem Kontroll- und Autonomiebedürfnis ernst genommen werden, können eine positive Grundüberzeugung entwickeln – Ich kann aktiv Einfluss auf mein Leben nehmen. Ich kann mein Leben gestalten. Diese Grundüberzeugung hilft im späteren Leben Probleme aktiv angehen und lösen zu können.

Andererseits ist das Kontroll- und Autonomiebedürfnis auch sehr eng mit dem Selbstwert (und Selbstwirksamkeit) verbunden. Durch die Erfahrung selber etwas machen und bewirken zu können, fühlt man sich gut, stark und stolz. Es ist nur möglich Dinge zu lernen, indem man selber die Erfahrung macht, was man kann, wo die Grenzen liegen und wo noch etwas gelernt werden muss.

Therapeutisch gesehen hängen viele psychischen Probleme im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach Kontrolle. So zeigt sich, dass ein Kontrollverlust in der Kindheit vermehrt zu Anpassungsstörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen, Angststörungen sowie Zwangsstörungen führen kann.
Oder auch das Konzept der erlernten Hilflosigkeit nach Seligman (1967) zeigt: Ein massiver und wiederkehrender Kontrollverlust kann zu Resignation und Depression führen.

Doch was bedeutet dies nun für das alltägliche Leben?
Auch wenn es für uns Erwachsenen zeitweise sehr fordernd und anspruchsvoll ist: Es gilt das Bedürfnis des Kindes nach Autonomie und Kontrolle wahrzunehmen, zu respektieren und die kindlichen Grenzen zu wahren.
Zudem heisst es aber auch so mit den Kindern in Kontakt zu treten, dass sie uns als Erwachsene als kontrollierbar erleben. Dies bedeutet (wenn möglich) konsistent im eigenen Verhalten aufzutreten und ihnen einen sicheren Rahmen zu bieten, in welchem sie sich in ihre Kontrollbedürfnis ausleben können. Dies bedeutet auch sie in ihrer Entwicklung zu bestärken und sie dabei weder zu unter- noch überfordern.
Also eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, denn es setzt voraus in stetiger Beziehung mit dem Kind zu stehen. Und dennoch: Ein Kind in seinem Grundbedürfnis nach Kontrolle und Autonomie zu bestärken, schenkt ihm eine wunderbare Ressource und Kompetenz, um später ein gesundes, selbstständiges und eigenverantwortliches Leben führen zu können.

Literatur:

Borg-Laufs, M. (2012). Die Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse als Weg und Ziel der Kinder- und Jugendpsychotherapie. Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (S. 6-19).

Grawe, K. (2002). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Rotters, J. B. (1966), General expectancies for internal vs. External control of reinforcement. Psychological Monographs, 80.

Seligman, M. E. & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74, 1-9.

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