Vergessen Sie Ihren Körper nicht – Achtsamkeit und Embodiment in der Klinischen Psychologie

Bei akut depressiven Patienten kommt es unter Medikamenteneinnahme in 70-80% zu einem Rückfall. Nach einer Psychotherapie finden wir um 20-30% geringere Rückfallraten. Bei einer depressiven Störung werden grüblerische Gedanken aktiviert, die ein Risiko für einen Rückfall bergen können. Gemäss Theasdale ist nicht der Inhalt meines Gedanken entscheidend, sondern die Haltung die ich meinen Gedanken gegenüber habe. Gedanken, Gefühle sind mentale Ereignisse und nicht Abbild der Realität. Segal, Williams und Theasdale entwickelten die “mindfullness based cognitiv therapy“ (MBCT) ein achtwöchiges Programm, welches durch Achtsamkeit (Body-Scan, Yoga-Übungen, Atemmediation, Achtsamkeit im Alltag etc.) zur Reduktion dieser grüblerischen Aufschaukelungsprozesse führt. Als Achtsamkeit bezeichnet John Kabatt Zinn das absichtsvolle, nicht wertende im gegenwärtigen Augenblick sein.
Meta-Analysen zeigen, dass MBCT bei der Rückfallprävention von Depression wirksam ist, vor allem bei ausgeprägter Restsymptomatik.

Eine Besonderheit der in achtsamkeitsbasierten Therapieverfahren durchgeführten Übungen ist ihr starker Körperbezug. So unterstützt der Body Scan oder die Atemmeditation Patienten dabei, sich ihrem körperlichen Erleben bewusst und nicht wertend zuzuwenden.
Michalaks spezielles Interesse gilt der Rolle des Körpers, dem körperlichen Feedback, bei diesen depressiven, grüblerischen Aufschaukelungsprozessen.

In Studien zur Embodiement-Forschung zeigte Michalak, dass Depressive langsamer und weniger schwungvoll laufen als nicht Depressive. Ehemals Depressive laufen etwas langsamer. Wenn bei nicht Depressiven eine negative Stimmung induziert wird, findet sich ein ähnliches Muster. Nach einem MBCT-Training kam es zur Normalisierung in Bezug auf die Ganggeschwindigkeit. Eine weitere Studie zeigt, dass nicht Depressive bei der Atembetrachtung mehr achtsame Episoden haben und dabei weniger selbstkritisch waren als Depressive.
Zudem konnte Michalaks Team zeigen, dass Depressive die Körperperipherie weniger spüren, die Kopfaktivität dagegen mehr. Sie sind also weniger im Kontakt mit dem Körper. Bei bewusster Veränderung des Gangmusters in Richtung Depression erinnerten Depressive mehr negative und weniger positive Wörter; bei Veränderung des Gangmusters in Richtung eines weniger depressiven Ganges wurden mehr positive Wörter erinnert.
Weitere Befunde der Embodiement-Forschung zeigen, dass Depressive in zusammengesunkener Position mehr negative als positive Wörter erinnern als in aufrechter Position. Bei einer offenen Qui Gong Armbewegung erinnern Depressive mehr positive Wörter; bei einer sich schliessenden Armbewegung mehr negative Wörter.

Diese Befunde legen nahe, dass der Einbezug des Körpers im Rahmen von achtsamkeitsbasierten Verfahren, aber auch allgemein für die Behandlung von psychischen Störungen von Relevanz ist. Bei psychischen Störungen gibt es eine enge Wechselwirkung zwischen motorischen Prozessen auf der einen Seite und kognitiv-emotionalen Prozessen auf der anderen Seite.

Auf dieser Grundlage erscheint es sinnvoll, das Körperbewusstsein zu fördern und somit auch zur Bewusstheit der Wechselwirkung zwischen Körper und Seele beizutragen. Es könnten auch therapeutische Interventionen entwickelt werden, die diese motorischen Muster (z.B. Körperhaltung, Gangmuster) direkt verändern können.

Also vergessen Sie den Körper nicht – und Gedanken sind nur Gedanken!

Literatur:

Vortrag von Prof. Dr. Johannes Michalak, Klaus-Grawe-Mittagsvorlesung, am 11. Workshopkongress für Klinische Psychologie und Psychotherapie in Erlangen 31.5.2019

Lic. phil. Uta Liechti Braune,
Eidgenössische Psychotherapeutin